Kinder- und Jugendliteratur
Ausgewählt wurden lieferbare Titel in der jeweils preiswertesten
Ausgabe. Verantwortlich für Auswahl und Annotation: Birgit Dankert
Blume, Judy: Forever. 8.Aufl.
Aus dem Amerikanischen von Regine Adolphsen. Frankfurt: Fischer Taschenbuch
Verlag 2004. 202 S. ISBN: 3-596-507-91X
Die 18jährige Katherine erzählt unbefangen und freizügig
von ihrer Liebe und sexuellen Erfahrungen mit Michael. Sie selber ist
es, die diese Liebe und „das erste Mal“ plant und steuert.
Dabei lernt sie Glück und Erfüllung, aber auch Unsicherheit
und Grenzen ihrer weiblichen Lust kennen. Als das US-Buch 1979 in Deutschland
erschien, war es auf Anhieb ein Erfolg bei jungen Leserinnen – nicht
wenig erwachsene Kritiker und Kritikerinnen äußerten Bedenken.
Bolte, Karin: Ulla, 16, schwanger. 3.Aufl.
Ravensburg: Ravensburger Buchverlag 1998. 185 S. ISBN: 3-473-580-775
Frühe und außereheliche Schwangerschaft wurde in Mädchenbüchern
bis in die siebziger Jahre hinein als Fehltritt, Unglück oder Folge
eines defizitären sozialen Umfeldes geschildert. Die Sozialarbeiterin
Karin Bolte berichtet von der 16jährigen Ulla, die ungewollt schwanger
wurde und nun Verantwortung übernehmen will und muss. Es sind nicht
mehr moralische Bedenken oder Ausgrenzung, die das junge, unsichere Mädchen
bewältigen muss, sondern die Verwirklichung eines selbst bestimmten
Lebens für sich und das Kind.
Cardulla, Lara: Ich wollte Hosen
Aus dem Ital. Von Christel Galliani. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag
1990. 126 S. ISBN: 3-596-10185-9
Die junge sizilianische Ich-Erzählerin möchte ein Mann sein
– nur Männer haben in ihrem Dorf etwas zu sagen. Schon als
Kind hatte sie die frauenfeindlichen Mechanismen ihrer Umgebung erkannt,
die ihre Schulfreundinnen ohne zu fragen übernehmen. Doch nicht die
Übernahme der Männerrolle, sondern eine neue Interpretation
von Weiblichkeit wird ihr Lebensprogramm. Die ungeschminkte Autobiographie
wurde zum europäischen Best-Seller und brachte jungen Leserinnen
in Deutschland eine südeuropäische Variante emanzipatorischer
Mädchenlektüre.
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Chidolue, Dagmar: Lady Punk
Weinheim: Beltz und Gelberg 1992. 173 S. ISBN: 3-407-78711-1
Terry Burger, 15jährige West-Berlinerin, ist reich, verwöhnt,
anspruchsvoll. Frauenemanzipation ist nicht ihr Programm, sondern
eher etwas, das sie bei ihrer Mutter vermisst. Punk zu sein, bedeutet
ihr Protest gegen jede Art gesellschaftlicher Zielsetzung. Ohne familiäre
Wärme aufgewachsen, erprobt sie ihre Macht im Chaos, der Intrige
und Konsum. So erfrischend ihre Unangepasstheit einher kommt, wo wenig
weiß sie, wohin sie gehen wird. Das preisgekrönte Buch
ist eine Moment-Aufnahme der ersten nachemanzipatorischen Mädchen-Generation
der achtziger Jahre.
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Dahl, Roald: Mathilda. Sonderausgabe
Illustr. Quentin Blake. Aus dem Engl. Von Sybil Gräfin Schönfeld.
Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2001. 244 S. ISBN: 3-499-21182-3
Die geniale kleine Mathilda ist ihren schrecklich spießigen
Eltern haushoch überlegen. In der Familie ganz auf sich alleine
gestellt, findet sie in der Klassenlehrerin Frau Honig eine verständnisvolle
Förderin und mit ihr zusammen ein märchenhaftes Zuhause.
Dahls Satire führt die vermeintliche Allmacht der Erwachsenen
ad absurdum und macht ein kluges, mutiges Mädchen zur Heldin.
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Held, Kurt: Die rote Zora
Hamburg: Carlsen 2001. 478 S. ISBN: 3-551-37110-5
Die rothaarige Zora lebt in einer Burgruine in Dalmatien und führt
eine Gruppe von verlassenen, in Not geratenen Jugendlichen an. Mit
Mundraub und kleinen Diebstählen halten sie sich über Wasser,
helfen einander und suchen nach einem Zuhause. Das gelingt durch erwachsene
Helfer und die rote Zora kann wieder zu einem jungen Mädchen
werden. Held (d.i. Kurt Kläber) benutzt die Form des romantischen
Abenteuer-Romans, um eine starke weibliche Figur einzuführen,
die Menschlichkeit und Führungsqualitäten verbindet. So
wurde die „Rote Zora“ zu einer Galionsfigur des deutschen
Feminismus.
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Kekulé, Dagmar: Ich bin eine Wolke
Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2002. 155 S. ISBN: 3-499-20191-7
Mit der Erzählung einer konfliktreichen Lebensphase von Paulina,
der 15jährigen nicht-ehelichen Tochter einer Alkoholikerin, betritt
das Mädchenbuch der 70iger Jahre soziale Bereiche, die zuvor
nicht als Emanzipations-Räume literarisiert wurden. Selbstständigkeit,
freier Umgang mit Sexualität, Ablehnung jeder administrierten
Fürsorge kennzeichnen Paulinas Erfahrungswelt, die durch das
Urteil „Verwahrlosung“ denunziert wird.
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Lindgren, Astrid: Pippi Langstrumpf
Hamburg: Friedrich Oetinger 2003. 207 S. ISBN: 3-7891-1851-6
Astrid Lindgrens 1945 veröffentlichter Welterfolg, der in Deutschland
1949 von den Kindern begeistert, von der Kritik jedoch zögerlich
aufgenommen wurde, ist gewiss nicht als emanzipatorisches Mädchenbuch
geschrieben worden. Aber die unbesiegbare, auf alle Autoritäten
pfeifende Pippi wurde zur Symbolfigur des starken und selbstbewussten
Mädchens.
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Nöstlinger, Christine: Das Leben der Tomanis
Illustr. Helme Heine. Ravensburg: Ravensburger Buchverlag 1997. 63
S. ISBN: 3-473-52086-1
Immer wieder lesen die ehemals so artigen Schwestern Liese und Luise
das Buch von den wilden Tomanis. Eines Tages werden sie selbst wilde
Troll-Gestalten, fern jeder konventionellen Vorstellung von zarter
Weiblichkeit. Das akzeptieren die Eltern und die Familie segelt aus
braver Bürgerlichkeit in die Freiheit. Nöstlingers frühes
Bilderbuch zeigt Anfang der siebziger Jahre im Text und in Heines
Illustrationen die ganze Wucht der Sehnsucht nach Veränderung
des Leitbildes angepasster kleiner Mädchen.
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Pausewang, Gudrun: Der Streik der Dienstmädchen
Ravensburg: Ravensburger Buchverlag 2000. 207 S. ISBN: 3-473-58126-7
Martha arbeitet als Dienstmädchen in einer reichen südamerikanischen
Familie. Zusammen mit anderen ausgebeuteten Frauen erkämpft sie
sich bessere Arbeitsbedingungen. Der Blick auf Frauenschicksale in
unterentwickelten Ländern gehört seit Mitte der siebziger
Jahre zum ständig erweiterten Repertoire emanzipatorischer Mädchenliteratur.
Südamerika ist eine für dieses Thema und für deutsche
Autoren bevorzugte Region. Dabei werden männliche Machtmechanismen
ebenso angeprangert wie die doppelte Benachteiligung von Mädchen
und Frauen in vielen armen Gesellschaften.
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Pressler, Mirjam: Novemberkatzen
Weinheim: Beltz und Gelberg 1992. 200 S. ISBN: 3-407-78079-6
Ilse lebt mit Brüdern und allein erziehender Mutter in einem
Dorf und fühlt sich ungeliebt, allein gelassen und der Kälte
ihrer Umgebung ausgesetzt. Nur ein kleines, für dumm gehaltenes
Mädchen zu sein, genügt nicht, um Selbstbewusstsein zu entwickeln.
Auch in späteren Büchern hat die Autorin die fast hoffnungslose
„Unerlöstheit“ vorpubertärer Mädchen im
ländlichen Milieu geschildert und als Ausgangspunkt späterer
Schwierigkeit gedeutet, eine emanzipierte Weiblichkeit zu entwickeln.
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Spyri, Johanna: Heidi. Sonderausgabe
Würzburg: Arena Taschenbuch Verlag 2004. 222 S. ISBN: 3-401-05706-5
Heidi gilt vielen als das Sinnbild des gefühlsbetonten, Heil
bringenden Naturkindes – weit entfernt von Frauenemanzipation
und Feminismus. Doch vergleicht man Spyris 1882 veröffentlichtes
Hauptwerk mit Mädchenbüchern dieser Zeit, so spürt
man den Anspruch der Autorin, dem Mädchen Heidi Individualität,
ein eigenes Schicksal und einen Bildungsgang zu sich selbst zu ermöglichen.
Heidi ist ein vorpubertäres, freies weibliches Kind, dessen Persönlichkeit
bis heute beeindruckt.
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Welsh, Renate: Johanna
Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2002. 251 S. ISBN: 3-499-21202-1
Sechs Jahre begleitet die Autorin die Bauernmagd Johanna: langsam
und mühselig erobert sie sich eine Stellung, soziale Anerkennung
und Familienstatus: ein Mindestmaß an weiblicher Freiheit im
ländlichen Österreich der dreißiger Jahre. Renate
Welsh lässt die Hauptfigur in der Sprache der „kleinen
Leute“ reden, verbindet individuelle mit politischer Emanzipation
und macht klar, dass in der Vergangenheit eroberte Freiheiten immer
neu erkämpft werden müssen. |