Die Geschichte des weiblichen Lesens

Rita Bendfeldt; Katharina Schmiedl

Das Lesen liegt an der Schwelle des geistigen Lebens; es kann uns darin einführen, aber es ist nicht dieses Leben. – Marcel Proust (aus: Tage des Lesens, S. 33)
Bevor die Menschen lesen und schreiben lernten, gab es die „orale Kultur“. Wissen wurde mündlich weitergegeben. Die Schrift besitzt eine lange Entwicklungsgeschichte. Sie beginnt im arabischen Raum. Durch die literarische Kultur wurden mündliche Mitteilungen, die orale Vermittlung kulturellen Wissens und erzählte Phantasien ergänzt, später verdrängt. Mit der wirtschaftlichen Entfaltung und gesellschaftlichen Differenzierung der städtischen Gemeinwesen stiegen in der frühen Neuzeit die Kommunikationsbedürfnisse. Die Schriftzeichen dienten als Erinnerungsstütze, man benötigte z.B. Kalender und Marktverzeichnisse.
Große Teile der literarischen Kultur wurden von Klöstern geprägt. Das Kloster war der erste Ort, an dem Frauen literarisch unterrichtet wurden. Nonnen war es gestattet, geistigen Beschäftigungen nachzugehen - nur unter der strengen Aufsicht ihrer männlichen Vorgesetzten.
„Sorge dafür, dass er (der Junge) mit sechs oder sieben lesen lernt, und lass ihn entweder studieren oder das Gewerbe erlernen, das ihm die meiste Freude macht. Handelt es sich um ein Mädchen, so setze sie in die Küche und nicht hinter das Lesebuch, denn es schickt sich nicht für ein Mädchen, lesen zu lernen, es sei denn, du willst, dass sie ein Nonne wird.“ (in: James Bruce Ross: Hört ihr die Kinder weinen, Frankfurt a.M. 1977, S.296)
Frauen des 14.Jhr. und des fast gesamten Mittelalters erhielten nur so viel Bildung, wie für eine „Gehilfin“ des Mannes vonnöten war. Nur wenn die Mädchen von Adel waren oder einer Patrizierfamilie entstammten, erhielten sie Privatunterricht. Sogar Martin Luther empfahl: „…wenn Weiber wohlberedt sind, das ist an ihnen nicht zu loben; es steht ihnen baß an , dass sie stammeln und nicht wohl reden können. Das zieret sie viel besser.“ (in: Gabriele Becker u.a., Zum kulturellen Bild und zur realen Situation der Frau im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, in: Aus der Zeit der Verzweiflung- Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes, Frankfurt 1977, S.21/22)
Im 17. Jh. trug die orthodoxe und gelehrte Kultur des Bürgertums noch immer sehr männliche Züge. Der Unterricht an den Lateinschulen und Universitäten richtete sich nach wie vor an junge Männer. An den Volksschulen wurden mittlerweile auch Mädchen unterrichtet, aber der Unterricht wurde hauptsächlich durch die Lektüre der Bibel bestimmt. Die Tätigkeit der mittelständischen Hausfrau beschränkte sich auf das Amt der ersten Arbeiterin des Haushalts. Es wurde von den Männern nicht gern gesehen, wenn die Frauen sich mit „unnützen“ Dingen wie Lesen beschäftigten. Deshalb lasen Frauen und Mädchen oft heimlich.
Außerdem erhielten Frauen kaum Anregungen, zumal in vielen Städten Hof, Oper, Theater, überhaupt gesellschaftliches Leben und öffentliche Veranstaltungen fremd blieben. Der Widerstand gegen eine freiere Frauenbildung ging vor allem von orthodoxen Kreisen aus und wurde vom bürgerlichen Mittelstand befolgt. Erst die europäische Aufklärung mit ihrer Lösung von strengen Kirchenregeln brachte größere Freiheit.. Die Kirchen nahmen sich der Bildung an und wählten dafür in besonderem Maße die kirchlich gesinnten Bürger als Publikum.
Der Einbruch in die Frauenerziehung wurde ausgerechnet durch den Pietismus ausgelöst. Pietistische Geistliche ließen die Frauen nicht nur in kirchlichen Fragen zu Wort kommen, sondern auch eine persönliche Formulierung ihres Glaubens finden.
Gleichzeitig fand ein Wechsel von der gelehrten zur „genießerischen“ Lektüre statt. Die Belletristik setzte sich durch. Die Intimitäten des Familienlebens wurden realistisch und kritisch dargestellt. An Stelle frommer und ergebener „Weiber“ wurden vernünftige, moralische und entschlusskräftige Frauen, statt allmächtiger Hausherren aufgeklärte Gentlemen beschrieben. Diese Inhalte gewannen Mitte des 18.Jh. an Aktualität, als sich in Deutschland die bürgerliche Kleinfamilie von der groß-wirtschaftlichen Hausgemeinschaft absonderte und eine fortschreitende Arbeitsteilung die Hausfrau entlastete. Die familiären Beziehungen verlagerten sich vom hauswirtschaftlichen in den persönlichen und gesellschaftlichen Bereich. Bildung wurde zur Basis der sozialen Stellung der Frau. Wenig später entstand mit den Damenkalendern ein wichtiger neuer Literaturzweig, der als Sprachrohr der modernen Dichter das weibliche Publikum mit den Erzeugnissen der zeitgenössischen deutschen Literatur bekannt machte.
1787 konnte die erste Frau an einer Universität promovieren. Dorothea Schlözer erhielt mit 17 Jahren nach einer 3 ½ stündigen Prüfung über Horaz, Bergbau, Baukunst und Mathematik den Doktorgrad der Universität Göttingen. Die Prüfung fand zum 50.Geburtstag der Universität statt. Ohne die Stellung des Vaters und dessen Unterstützung hätte die Prüfung sicherlich nicht stattgefunden. Dorothea Schlözers Promotion war leider keineswegs ein Signal zum Beginn des Frauenstudiums in Deutschland oder auch nur Propaganda dafür. Schiller sagte sogar dazu: “Schlözers Farce mit seiner Tochter, die doch ganz erbärmlich ist.“
Der gesellschaftliche Wandel des 18.Jahrhunderts war der wichtigste Abschnitt in der Geschichte des Lesens. In der literarischen Epoche der Romantik traten Frauen zum ersten Mal nicht mehr als zufällige Einzelerscheinungen, sondern als gleichberechtigte, teils sogar zentrale Gestalten des literarischen Lebens in das Rampenlicht. So bildete z.B. in Jena Karoline Schlegel-Schilling, Frau von August Wilhelm Schlegel und seit 1803 des Philosophen Wilhelm von Schelling, den Mittelpunkt des dortigen literarischen Zirkels.
In Berlin war es Rahel Varnhagen von Ense, geb. Levin, die einen literarischen Salon führte, ein Treffpunkt der für Dichter, Künstler und Philosophen ihrer Zeit. Ihre Briefe (1834 von ihrem Mann herausgegeben: Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde) sind ein wertvolles Dokument der frühen Emanzipationsbewegung in Deutschland.
Eine weitere wichtige Schriftstellerin dieser Zeit war Bettina von Arnim, die Schwester von Clemens Brentano. 1840 schrieb sie „Die Günderode“, eine Biographie über ein tragisches Frauenschicksal der Romantik.
Caroline von Günderode, Verfasserin von diversen Skizzen und Gedichten („Poetische Fragmente“, 1805), erstach sich im Alter von 26 Jahren, als ihr verheirateter Geliebter seine Scheidungsabsichten aufgab.
Eine weitere wichtige Entwicklung im letzten Drittel des 18.Jahrhunderts stellt die Entstehung der intentionalen Kinderliteratur dar. Kinder- und Jugendbücher entwickelten sich als relativ eigenständiges Teilsystem der Gesamtliteratur und wurden als Teil der Erziehung verstanden. In die Familienerziehung des besitzenden Bürgertums wurde das Lesen einbezogen, so dass die junge Generation in eine Leseumwelt eingeführt wurden.
Die bedeutendste Veränderung im 19. Jahrhundert war die länderabhängige Regelung für die Zulassung von Frauen an den deutschen Universitäten. Mit dem Erlass vom 18.August 1908 war Preußen eines der letzten deutschen Länder, das den Frauen ein reguläres Studium gestattet hatte. Die Vorbehalte gegenüber den Frauen an Universitäten blieben nach wie vor gross. .Durch die Eröffnung von öffentlichen Leihbibliotheken wuchs die Zahl des Lesepublikums stetig an und neue Leserschichten konnten erschlossen werden.
Die allgemeine Schulpflicht griff als Instrument umfassender Alphabetisierung der Mädchen und Frauen erst im 20. Jahrhundert. Zwar forderte schon im Jahr 1619 das damalige Fürstentum Weimar, Knaben und Mädchen ab dem 6. Lebensjahr zu unterrichten. Doch erst in Artikel 145 der Weimarer Verfassung von 1919 wurde die Schulpflicht als Recht deklariert. Das Reichsschulpflichtgesetz vom 06.07.1938 bildete die gesetzliche Grundlage für die nach dem Zweiten Weltkrieg erlassenen und derzeit geltenden Schulpflichtgesetze.
Ein beschämendes Datum in der Geschichte auch des weiblichen Lesens ist der 10.Mai 1933 mit seinen Bücherverbrennungen durch die Nationalsozialisten. Vor laufenden Kameras und begleitet von einer Ansprache des Propagandaministers Goebbels wurden vor mehr als 10.000 Zuschauern über 20.000 Bücher verbrannt. Hunderten von Autoren, unter ihnen Freud, Marx, Hemingway, Einstein, Heinrich und Thomas Mann wurde die „Ehre“ ihrer symbolischen Verbrennung auf dem Scheiterhaufen zuteil.
Die Machtübernahme von 1933 bedeutete für alle Bereiche eine tiefe Zäsur, infolge derer das Bildungsangebot politisch einseitig verflachte. Dementsprechend war die Buchproduktion und damit das Angebot an Lesestoffen in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt von wirtschaftlichen und ideologischen Einbrüchen durch die beiden Weltkriege, durch Zerstörung und Inflation. Die Anfänge wirtschaftlicher Stabilität nach dem Zweiten Weltkrieg erzeugten rasch ein großes Bedürfnis nach neuem Lesestoff.
Das heutige Lesepublikum besteht – wenn auch nicht ganz so streng getrennt wie in seinen Anfängen, dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert – aus differenzierten Schichten und sucht den Umgang mit gedruckten Medien aus den unterschiedlichsten Motiven heraus. Auch wenn man heute nicht mehr von "dem" Lesepublikum sprechen kann, sondern eigentlich nur noch von Medienrezipienten, unter denen die Leser eine bestimmte Spezies bilden, haben im Zuge der Entwicklungen die meisten Lesemotivationen und damit die Funktionen des Lesens bis heute überdauert.


Quellen
Eine Geschichte des Lesen - Alberto Manguel, Berlin: Verlag Volk & Welt, 1998
Der Bürger als Leser – Rolf Engelsing, Stuttgart: Metzler, 1974
Von den Möglichkeiten einer „inneren“ Geschichte des Lesens - Matthias Bickenbach, Tübingen: Niemeyer, 1999
Literarische Sozialisation - Hartmut Eggert, Christine Garbe, Stuttgart: Metzler, 2003
Tage des Lesens – Marcel Proust, Frankfurt a. Main: Suhrkamp, 1994
Der Verlust der Sinnlichkeit oder die Verwandlungen des Lesers: Mentalitätswandel um 1800 – Erich Schön, Stuttgart: Klett-Cotta, 1987
www.xlibris.de – Die Romantik, Stand 15.12.2004
www.powercat.de – Frauen-Portraits, Stand 15.12.2004
www.frauenbeauftragte.boeblingen.de – Portraits, Stand 15.12.2004

Seitenanfang



home
Dokumentation
Ausstellung
Downloads
Kontakt
Partner
Impressum