Alphabetisierungsprogramme: Kosovo,
Uganda, Industriestaaten
Eric Hansen; Isabell Oswald; Regine Rübcke; Kai Thiele
„Fenster zum Leben“
Politische und ethnische Konflikte haben seit den neunziger Jahren die
kosovo-albanische Bevölkerung in ihren Bildungsmöglichkeiten
stark beeinträchtigt. Schulpflicht und das Recht auf Bildung sind
in den seltensten Fällen Realität. Spätestens seit den
kriegerischen Auseinandersetzungen in 1999 fand vielerorts überhaupt
kein Unterricht mehr statt. So wird in 1999 die Analphabetenrate auf 21
bis 25 % geschätzt. Die tatsächliche Quote ist vermutlich um
einiges höher anzusiedeln.
Die Mehrheit der Analphabeten im Kosovo sind Frauen und Mädchen.
Kein überraschendes Ergebnis – gelten im Kosovo doch vorrangig
noch alte Wertegefüge. Traditionell ist Bildung hier meist den männlichen
Nachkommen vorbehalten. Neben dieser traditionellen Rollenvergabe ist
jedoch auch der Sicherheitsfaktor wesentlich. Während der politischen
Konflikte scheint es zu riskant, seine Töchter und Frauen in die
Schule zu schicken. Zudem haben viele Frauen noch mit Auswirkungen und
traumatischen Erfahrungen aus Kriegszeiten zu kämpfen. Vergewaltigungen
und andere Gewalttaten wirken lange nach und lassen Bildungswünsche
in den Hintergrund rücken. Eine große Gefahr – fehlende
Bildung bedeutet auch fehlende Artikulationsfähigkeit und Kommunikationsschwierigkeit.
Der richtige Umgang mit Konfliktsituationen wird nicht geschult und somit
erhöhte Gewaltbereitschaft gefördert.
Im Kosovo müssen sich westliche Werte noch durchsetzen: Frauen und
Männer sind gleichberechtigt und besitzen das Recht auf Bildung und
ein selbst bestimmtes Leben. Ziel ist es, den Frauen ein höheres
Selbstwertgefühl zu vermitteln. Alphabetisierungsprojekte und der
Zugang zu Grundbildung bilden das Fundament für die Unabhängigkeit
der Frau, die Aufklärung über ihre Rechte und eine angemessene
Partizipation am öffentlichen Leben .
Mitte 2001 haben UNICEF und die KFOS (Kosova Foundation for Open Society)
ein groß angelegtes Alphabetisierungsprogramm im Kosovo gestartet.
Die Umsetzung stützt sich auf ein Netzwerk von 21 Frauenorganisationen.
Die meisten Organisationen gründeten sich erst nach oder während
des Krieges. Sie tragen bezeichnende Namen wie „Shpresa“ –
die Hoffnung – oder „Drita“ – das Licht. Den Frauen
soll durch das Programm ermöglicht werden, parallel zu ihrem Bildungs-
auch den Lebenshorizont zu erweitern. Was bei uns als Blick über
den Tellerrand bezeichnet wird, ist im Kosovo das „Fenster zum Leben“.
Alte Traditionen sollen nicht allein bestimmend bleiben, sondern neue
Perspektiven eröffnet und ermöglicht werden. Frauen sollen Visionen
entwickeln und an ihrer Verwirklichung arbeiten.
Ein fünfköpfiges Frauen-Team erarbeitete in einem mehrwöchigen
Workshop ein neues Lernkonzept mit einem umfangreichen Curriculum und
einem auf die Bedürfnisse der Frauen abgestimmten Lehrbuch mit dem
Titel „Dritare Jete“. Das gesamte Konzept folgt einem partizipativen,
teilnehmerzentrierten und problemformulierendem Ansatz. Neben den traditionellen
Lernzielen stehen dabei kommunikative Fähigkeiten, kritisches Denken
und die Auseinandersetzung mit der eigenen Situation im Vordergrund. Ziel
des Lehrbuchs ist, die Frauen zu mehr Selbstbewusstsein zu „erziehen“,
die Geschlechtergleichberechtigung zu fördern und Unabhängigkeit
zu erlangen.
Der Workshop hatte mit vielerlei Beeinträchtigungen zu kämpfen,
hat sich am Ende jedoch durchgesetzt. Parallel zur Lehrmittelerstellung
und Lehrplanentwicklung bereiteten sich die fünf Frauen auch auf
ihre Aufgabe als Multiplikatorinnen vor. Vor Beginn der Kurse wurden 130
Alphabetisierung-Trainerinnen von ihnen ausgebildet.
Rund 2.250 Teilnehmerinnen trafen sich in 2002 drei Mal pro Woche zu
den Alphabetisierungskursen. Altersvorgaben existierten nicht. Es bildeten
sich sehr heterogene Gruppen aus mit bis zu drei Generationen. Für
die unterschiedlichen Charaktere gab es unterschiedliche Lernansätze
„a mixed menu for mixed groups“. Gemeinsame Schwerpunkte lagen
jedoch auf den Punkten: „lernen, zusammen zu leben“; „lernen,
zu handeln“; „lernen, zu sein“; „lernen, zu lernen“
Linkliste
Diese Inhalte stammen von Mira Merlo, die vom Dani-online-magazin interviewt
wurde http://www.bhdani.com/arhiva/270/t27011.shtml , übersetzt von
Milan Perkusic.
http://www.glas-slavonije.hr/rubrika.asp?rub=4&ID_VIJESTI=35971
http://www.antenam.net/modules.php?name=News&file=print&sid=20201
http://www.bjelovar.hr/vijesti/nepism.php
Alphabetisierungsprogramme in der sogenannten Dritten Welt
Die UNESCO unterstützt in Zusammenarbeit mit der Weltbank
die Erwachsenenbildung in der sogenannten Dritten Welt. Spezielle Programme
und Maßnahmen sollen nachhaltig die Armut reduzieren.
Zu den Zielen der Programme gehören:
- Erreichung einer permanenten Alphabetisierung
- Erwerb von funktionierenden Skills zum Leben in der Gemeinschaft
- Entwicklung eines Bewusstseins für das eigene Individuum
- Förderung der Langzeitwirkung in der Gemeinschaft.
Alleine in Uganda konnten 1995 38% der Bevölkerung nicht lesen. Dabei
gab es ein gravierendes Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern: 53%
davon waren Frauen, 27% Männer.
Eines der vielen Programme ist ADRA – Adventist Development an Relief
Agency
Das Ziel des Programmes ist, die Frauen zu unterrichten, ihren Lebensunterhalt
zu verbessern und zu erhalten. ADRA hat erkannt, dass Alphabetisierung
die Grundlage für ein besseres Leben ist. So lernen Frauen zunächst
rechnen, lesen und schreiben. Dafür nutzt das Programm Literatur,
die von der Regierung bereitgestellt wird. Die Weltbank bietet weitere
Übungen zum Lernen und Verstehen an und vermittelt ebenso geschäftliche
Komponenten. Die zweite Stufe bringt den Schülerinnen bei, ein Projekt
durchzuführen und planvoll mit Geld umzugehen. In der letzten Stufe
gruppieren sich jeweils fünf Frauen, um gemeinsam ein Bankkonto zu
eröffnen und sich gegenseitig ihr Erspartes anvertrauen.
Das ADRA-Programms dauert zwischen 9 und 12 Monaten bei 6 Stunden in der
Woche. Die Frauen erhalten ein Kleindarlehen von US$ 30 – 60. Die
Rückzahlung erfolgt in Raten über 16 Wochen mit einem Zinssatz
von 4 Cent im Quartal. Durch die Möglichkeit, Verantwortung und Verpflichtungen
einzugehen verspricht sich die Weltbank einen nachhaltigen Bildungs- und
Stabilisierungserfolg in Uganda.
Quellen
The World Bank, Africa region human development seriens,
Adult Literacy Programs in Uganda, 2001
The World Bank, Africa region human development seriens,
Skills and Literacy Training for better Livelihoods, 2002
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