Alphabetisierung in Industriestaaten
Kai Thiele
Der Begriff Analphabet/in ist in verschiedenen Gesellschaften und Kulturen
unterschiedlich zu definieren. Unter einfachen Analphabetinnen werden
Menschen verstanden, die Lesen und Schreiben nicht erlernt haben, weil
sie nie zur Schule gegangen sind. Dies trifft zwar vor allem auf die Länder
der sogenannten Dritten Welt zu. Doch auch in Ländern mit obligatorischer
Lese-Erziehung leben - vornehmlich unter Immigranten - Menschen ohne erworbene
Lesefähigkeit.
In den Industrieländern handelt es sich in der Regel um einen funktionalen
Analphabetismus: die betroffenen Personen haben eine Schule besucht und
wurden während des Schulbesuchs als (teil-) alphabetisiert angesehen.
Das Ausmaß der Lese- und Schreibschwäche wird den Betroffenen
meist erst nach dem Verlassen der Schule mit dem Versuch in das Berufsleben
einzutreten deutlich. Häufig geht in bildungsfernen Lebenskreisen
die Beherrschung von Lesen und Schreiben gänzlich verloren.
1979 definierte die UNESCO den funktionalen Analphabeten als eine Person,
die sich an allen zielgerichteten Aktivitäten ihrer jeweiligen gesellschaftlichen
Bezugsgruppe, bei denen Lesen, Schreiben und Rechnen erforderlich ist,
nicht beteiligen kann. Sie kann diese Kulturtechniken weder für ihre
eigene Entwicklung noch für die ihrer Gesellschaft nutzen.
Die Nöte und Probleme der Betroffenen werden zumeist nicht wahrgenommen.
Analphabetismus geht oftmals einher mit sozialer Isolation und sozialer
Diskriminierung. Um ihren Alltag zu meistern, entwickeln die Betroffenen
vielfältige Bewältigungsstrategien, die zum Teil hohe Kompetenzen
abverlangen. Interessant ist, dass sich die Betroffenen ihrer Fähigkeiten
selbst nicht bewusst sind. Somit kommt der Anerkennung und Förderung
dieser Fähigkeiten ein besonderer Stellenwert bei der Überwindung
der Schwierigkeiten zu.
Durch die internationale Arbeit bekannter Institutionen wie die UNESCO
oder die OECD ist es in den vergangenen Jahren gelungen, Politik und Gesellschaft
auf das Problem Analpabeten in Industriestaaten aufmerksam zu machen.
Auf nationaler Ebene arbeitet der Bundesverbandes Alphabetisierung e.V.
in Deutschland. Auch in den Industriestaaten sind die Investitionen in
die Bildung wesentliche Vorraussetzung für Fortschritt und Wohlstand.
Sie dürfen nicht vernachlässigt werden, sondern müssen
in den kommenden Jahren unerlässlicher Bestandteil bildungspolitischen
Handelns sein.
Quellen
http://www.unesco-heute.de
http://www.bmbf.de/pub/20021029_EAG_Langfassung.pdf
http://www.leu.bw.schule.de/bild/Alphabetisierung-BMBF.pdf
Klaus Meisel (Hrsg.), Monika Tröster (Bearb.): Alphabetisierung /
Elementarbildung. Stand und Perspektiven. Frankfurt a. M. 1996
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