PISA-Studie geschlechtspezifisch
Gloria Kublanova; Sigita Okleiteryte
„Das Mathematische ist der Gegensatz des Weiblichen“
August Ferdinand Möbius
Pädagogen sorgen sich um die Männer von morgen: immer
mehr Jungen verlassen die Schule mit schlechten Noten. Sie sind tief verunsichert,
männliche Vorbilder fehlen. Forscher rufen bereits die „Jugendkatastrophe“
aus, die Leistungen der Mädchen werden unterdessen immer besser.
Spielt das Geschlecht wirklich eine Rolle in der Fähigkeit zu lesen
und zu lernen? In internationalen Leistungsvergleichen wie der PISA-Studie
erreichen Schülerinnen vor allem beim Lesen und beim Grad des Textverständnisses
signifikant höhere Werte als Schüler. Mädchen lesen lieber,
besser und mehr als Jungen. Leseforscher stossen immer wieder auf geschlechtsspezifisches
Leseverhalten. Was hat Lesen mit dem Geschlecht zu tun?
Mit dem sozialen Geschlecht werden die von der Gesellschaft bestimmten
Rechte und Pflichten von Frauen und Männern bezeichnet. Das soziale
Geschlecht wird unter anderem durch regionale Unterschiede, die Religion
und durch das Rechtssystem bestimmt. Es ist im Gegensatz zur biologisch
festgelegten Geschlechterrolle veränderbar und unterliegt einem ständigen
Wandel. Das soziale Geschlecht bestimmt den Zugang zu Bildung, Gesundheit,
Beschäftigung und Entscheidungspositionen. Die Verwendung ist vom
englischen Begriff „gender“ abgeleitet, der sich auf ein durch
das gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Umfeld bestimmte
Rollen- und Beziehungsgeflecht zwischen Frauen und Männern bezieht.
PISA steht für „Programme for International Student Assessment“
– die bisher umfassendste Schulleistungsstudie, die international
durchgeführt wurde. Die Studie ist Teil des Indikatorenprogramms
INES der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(OECD), das dazu dient, den OECD-Mitgliedsstaaten vergleichende Daten
über ihre Bildungssysteme zur Verfügung zu stellen.
Auf Beschluss der Kultusminister der Länder wurde die Studie in Deutschland
erweitert, so dass es möglich ist, die Ergebnisse auf Bundesländerebene
zu analysieren und zu vergleichen.
Mit PISA wollen sich die Teilnehmerstaaten regelmäßig ein Bild
davon machen, wie gut es ihren Schulen gelingt, Schülerinnen und
Schüler auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten Im Mittelpunkt
steht dabei weniger das Faktenwissen der Jugendlichen, sondern es werden
Basiskompetenzen untersucht, die in modernen Staaten für eine Teilhabe
am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Leben notwendig
sind. Es wird gefragt, inwieweit Jugendliche diese Kompetenzen erworben
haben und inwieweit soziale Ungleichheiten Einfluss auf den Bildungserfolg
besitzen.
PISA ist ein langfristig angelegtes Projekt, das zunächst drei Erhebungszyklen
umfasst. In jedem Zyklus werden die drei Kompetenzbereiche Lesekompetenz
(reading literacy), mathematische Grundbildung (mathematical literacy)
und naturwissenschaftliche Grundbildung (scientific literacy) untersucht,
mit jeweils wechselndem Schwerpunkt.
Im ersten Zyklus, für den die Erhebung im Jahr 2000 erfolgte, bildet
die Lesekompetenz den Schwerpunkt, im zweiten Zyklus (Erhebung im Jahr
2003) die mathematische und im dritten Zyklus (Erhebung im Jahr 2006)
die naturwissenschaftliche Grundbildung.
Mithilfe von Fragebögen werden Hintergrundmerkmale von Schülerinnen
und Schülern sowie Schulen erhoben. Hierzu gehören zum Beispiel
Merkmale der sozialen Herkunft von Schülerinnen und Schülern,
Aspekte der Beziehung der Jugendlichen zu ihren Eltern, Einstellungen
der Schülerinnen und Schüler zum Lesen sowie ihre privaten Lesegewohnheiten.
Auf Schulebene werden unter anderem die finanzielle und personelle Ausstattung,
Größe von Lerngruppen, Organisationsstrukturen und Entscheidungsprozesse
in die Analysen einbezogen.
Weltweit nahmen im Frühsommer 2000 rund 180.000 Jugendliche aus 28
OECD- Mitgliedsstaaten sowie aus Brasilien, Lettland, Liechtenstein und
der Russischen Föderation an der PISA- Erhebung teil. In den Teilnehmerstaaten
wurden jeweils zwischen 4.500 und 10.000 Schülerinnen und Schüler
getestet. Diese repräsentativen Stichproben wurden so ausgewählt,
dass sie die Gesamtheit der 15-Jährigen, die sich in schulischer
Ausbildung befinden, abbilden. Jugendliche dieser Altersgruppe unterliegen
in fast allen OECD-Mitgliedsstaaten noch der Vollzeitschulpflicht. Damit
leistet PISA eine Bestandsaufnahme von ausgewählten Erträgen
schulischer Systeme, die bis zum Ende der Schulpflicht erreicht werden.
In Deutschland besteht die Stichprobe für den internationalen Vergleich
aus 5.073 Schülerinnen und Schülern aus 219 Schulen, wobei im
Durchschnitt 23 15-Jährige pro Schule getestet wurden.
Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen im Überblick
· In allen Ländern der OECD-Mitgliedstaaten zeigen die Mädchen
bessere Leseleistungen und zwar im Schnitt um 32 Punkte (Deutschland 36
Punkte), d.h. die Werte der Mädchen liegen zwischen einer drittel
und einer halben Kompetenzstufe höher.
· Im Bereich der Mathematik sind bessere Leistungen der Jungen
nur bei knapp der Hälfte aller Teilnehmerstaaten signifikant.
· Nur in einem knappen Fünftel der Länder gibt es Geschlechterunterschiede
in den Naturwissenschaften. Dabei zeigen die Jungen in Korea, Österreich
und Dänemark bessere Testergebnisse, die Mädchen in Lettland,
der Russischen Förderation und Neuseeland. In Deutschland ist der
Unterschied im internationalen Test unbedeutend zugunsten der Jungen.
· In TIMMS (eine Studie aus USA, bekannt als „the Third International
Mathematics and
Science Study“) wurden für Deutschland erhebliche Geschlechterunterschiede
in den Naturwissenschaften zugunsten der Jungen beobachtet. Die abweichenden
Befunde sind dadurch zu erklären, dass der PISA-Test stärker
den Bereich Life Science akzentuiert, in dem Mädchen tendenziell
relativ gute Leistungen erzielen. Der Schwerpunkt bei TIMMS lag auch deutlich
mehr im Bereich der Physik.
· Beim nationalen Test im Bereich der Naturwissenschaften liegen
die Jungen durchschnittlich 8 Punkte vor den Mädchen (Biologie –2
Punkte, Chemie +6 Punkte, Physik +9 Punkte). Genau wie bei TIMMS sind
die Unterschiede im Fach Physik am größten.
· Der Leistungsvorsprung der Jungen ist besonders groß, wenn
es zur Lösung der Aufgabe erforderlich ist, Faktenwissen aus dem
Gedächtnis abzurufen und anzuwenden oder ein mentales Modell heranzuziehen.
Bei der Interpretation von Graphiken und Diagrammen, beim Ziehen von Schlussfolgerungen
aus gegebener Information, sowie beim Verbalisieren naturwissenschaftlicher
Schlussfolgerungen sind die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen
dagegen weniger ausgeprägt.
· Bezogen auf die einzelnen Schularten vergrößern sich
die Geschlechterunterschiede, weil die Geschlechter unterschiedlich auf
die Schularten verteilt sind. Bei den untersuchten 15jährigen beträgt
der Anteil der Mädchen auf dem Gymnasium 56%, auf der Hauptschule
45%, in den Sonderschulen 31%.
· Beim nationalen Test verdoppeln sich die Unterschiede. (Hauptschule
und Realschule 11 Punkte, Gymnasium 13 Punkte)
· Bezogen auf die 3 Naturwissenschaften erreichen die Jungen in
Biologie in der Realschule knapp 4, im Gymnasium stark 4 Punkte mehr,
deutlich bessere Werte in Chemie (alle 3 Schularten etwa 11 Punkte), am
größten ist der Anteil in Physik (Hauptschule 13 Punkte, Realschule
und Gymnasium 14 Punkte)
· Bei der Bewertung der Geschlechterunterschiede wird der Vorsprung
der Mädchen beim Lesen mit der mangelnden Motivation der Jungen (
sie könnten, wenn sie nur wollten...), der Vorsprung der deutschen
Jungen in Mathematik und Naturwissenschaften mit dem fehlenden räumlichen
Vorstellungsvermögen bei Frauen erklärt (das hat die Natur halt
so eingerichtet....., zumindest in Deutschland)
Seit 1992 schaffen mehr Mädchen als Jungen das Abitur – mit
besseren Noten. Seit zwei Jahren überwiegen sie auch an den Hochschulen.
55% aller Gymnasiasten und 60% aller vorzeitig Eingeschulten sind weiblich.
Je anspruchsvoller der Schultyp, desto stärker sind Mädchen
vertreten, so lautet die eine Wahrheit. Die andere: wer nicht einmal die
Hauptschule zu Ende bringt, ist meist männlichen Geschlechts. Die
Zahl männlicher Schulabgänger ohne Abschluss ist groß.
Zuständig für diesen zum gesellschaftlichen Problem heranwachsenden
Tatbestand ist ein Mix aus Genen, Eltern und Umgebung – ausweichen
kann ihm keiner. Lange galt die Frau als Mangelwesen der Natur, das mit
geringeren Geistesgaben gesegnet wurde. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts
erkämpften sich die Frauen allgemeinen Zugang zu Gymnasien und Universitäten;
dabei betonten Psychologen und Soziologen den Einfluss von Umfeld und
Erziehung. Welche Rolle spielen die weiblichen Lehrkräfte? „Doing
Gender „ lautete das Schlagwort der überwiegend weiblichen
Forscher in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren: Geschlechterrollen
und das mit ihnen verbundene Verhalten würden erst durch die ständige
gesellschaftliche Bestätigung zementiert. Inzwischen verstehen die
meisten Wissenschaftler menschliche Entwicklung als ein Zusammenspiel
von Natur und Erziehung.
Die größten Geschlechterunterschiede sind im Bereich Lesen
zu beobachten. In allen PISA-Teilnehmerstaaten erreichen die Mädchen
im Lesen signifikant höhere Testwerte als die Jungen. Auch im Computerzeitalter
bleibt Lesen die wichtigste Kulturtechnik. Wer von der Welt des niedergeschriebenen
Wissens ausgeschlossen ist, dem bleibt ein großer und wichtiger
Bestandteil unserer Informations- und Bildungsgesellschaft verschlossen.
Die Lesefähigkeit beeinflusst nicht nur den schulischen und den beruflichen
Erfolg, sondern regt auch die Fantasie an. Sie ist Grundlage für
das Verstehen von komplexen Zusammenhängen und unerlässlich
für den Umgang mit den modernen Medien. Um eine ausgeprägte
Lesefähigkeit und gutes Leseverständnis zu erlangen, muss die
Freude am Lesen schon möglichst früh geweckt werden.
Lesekompetenz ist mehr als einfach nur lesen zu können. PISA versteht
Lesekompetenz als ein wichtiges Hilfsmittel für das Erreichen persönlicher
Ziele, als Bedingung für die Weiterentwicklung des eigenen Wissens
und der eigenen Fähigkeiten und als Voraussetzung für die Teilnahme
am gesellschaftlichen Leben.
Quellen
http://www.bildungsserver.de
http://www.gendermainstream.de
http://www.pm-history.de/de/nurinternet/artikel_id233.htm
http://www.elisabethfrank.de/Allgemeine_Informationen/Auszuge_aus_gehaltenen_Vortrag/PISA.htm
http://www.pisa.oecd.org
„Angeknackste Helden“, Der Spiegel 21/200
Baumert, J., Klieme, E., Neubrand, M., Prenzel, M., Schiefele, U., Schneider,
W., Stanat, P., Tillmann, K.-J. & Weiß, M. (Hrsg.). (2001).
PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im
internationalen Vergleich. Opladen: Leske + Budrich.
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