Studien zum Leseverhalten von Jungen
und Mädchen
Kathrin Hamann
KIM – Kinder und Medien 2003
Die KIM-Studie wurde im Jahr 2003 zum vierten Mal durchgeführt und
basiert auf einer repräsentativen Befragung Sechs- bis 13-Jähriger
in der Bundesrepublik Deutschland. Der Auftraggeber dieser Studie ist
der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (kurz: mpfs),
eine Forschungskooperation der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg,
der Landeszentrale für private Rundfunkveranstalter Rheinland-Pfalz
und des Südwestrundfunks.
Mit der KIM-Studie werden hauptsächlich zwei Ziele verfolgt
- Eine jährlich aktuelle Darstellung des Themenfeldes Kinder und
Medien
- Die Dokumentation von Trends in eben diesem Themenbereich
Die Grundgesamtheit der Befragung bildeten die rund sieben Mio. deutschsprachigen
Kinder im Alter von sechs bis 13 Jahren in Deutschland, sowie deren primäre
Erziehungsperson. Die repräsentative Stichprobe bestand aus 1201
Zielpersonen, die von Mai bis Juli 2003 untersucht wurden. Die Befragung
fand bei den Kindern mündlich-persönlich und bei den Erziehungspersonen
schriftlich statt.
Im Jahr 2003 landet das Lesen von Büchern und Zeitschriften auf den
letzten beiden Plätzen (58% bzw. 56%) der Liste von am häufigsten
ausgeübten Freizeitaktivitäten.. Im Vergleich dazu steht das
Fernsehen mit 98% auf Platz eins. Auffallend ist bereits hier, dass Mädchen
öfter lesen als Jungen (65% zu 51%). Weiterhin geben auch mehr Mädchen
als Jungen das Lesen als eine ihrer Lieblings- Freizeitaktivitäten
an (bei bis zu drei Nennungen). Schon beim Themeninteresse ist der Bereich
der Bücher bzw. des Lesens weitgehend von Mädchen besetzt (21%
zu 10%). Bei der Frage auf welches Medium die Kinder am wenigsten verzichten
könnten, nannten immerhin zehn Prozent der Mädchen Bücher,
aber nur vier Prozent der Jungen. Auf die Frage: „Wie gerne liest
Du Bücher?“ antworteten über die Hälfte der Kinder
(55%), dass sie sehr gerne bzw. gerne Bücher lesen, aber auch hier
wieder deutlich sichtbar, dass Mädchen eine höhere Affinität
zu Büchern aufweisen, als Jungen (67% zu 45%).
Untersuchungen des IfaK 2001
Das IfaK (Institut für angewandte Kindermedienforschung)
führte 2001 mit einem Sample von insgesamt 153 Jungen im Alter zwischen
6 – 18 Jahren in Bibliotheken Südwestdeutschlands Einzelinterviews
zur Ermittlung von Lesetendenzen bei Jungen durch. Die Mehrheit der Befragten
war im Alter zwischen 10 und 15 Jahren und verteilte sich relativ gleichmäßig
auf die Schultypen Grund-, Haupt, Realschule und Gymnasium. Zur Überprüfung
der Ergebnisse wurden in einer anschließenden schriftlichen Befragung
noch einmal 219 männliche Schüler an neun Schulen zu ihrem Leseverhalten
befragt.
Aus den Umfragen des IfaK geht hervor, dass Jungen beim Lesen erzählende
Literatur der „Nonfiction“-Literatur (Sachbücher, Zeitschriften
etc.) vorziehen. Hier werden besonders die aktionsorientierten Genres,
wie z.B. Krimi, Fantasy und Grusel bevorzugt gelesen. Die reinen Spannungsgenres
liegen besonders hoch im Kurs. Auffällig ist weiterhin, dass die
Mehrheit der befragten Jungen zwar Lieblingsgenres nennen können.
Aber etwa die Hälfte der Jungen haben keinen Lieblingsautor und kein
Lieblingsbuch und halten dies auch nicht für wichtig. Auch können
viele Jungen den Inhalt des zuletzt gelesenen Buches nicht genau oder
gar nicht wiedergeben, was als Zeichen dafür gewertet werden kann,
dass Bücher für Jungen in der heutigen Mediengesellschaft nur
eine untergeordnete Rolle spielen. Die Lektüre von Comics nimmt bei
den Jungen einen hohen Stellenwert ein. Erstaunlich ist hier, dass Comics
(Lektüre mit hohem Bild und geringem Textanteil) bei Jungen mittleren
Alters noch beliebter sind als bei Grundschülern.
Weiterhin ist bemerkenswert, dass nur 11 Prozent der befragten Jungen
angaben, dass sie lesen, um sich zu informieren. Einen deutlich höheren
Stellenwert erhält das Lesen als Entspannungsmöglichkeit und
zum Abschalten (40 Prozent der Befragten). Gerade mal sieben Prozent der
Befragten gaben an, aus Interesse an einem bestimmten Thema zu einem Buch
zu greifen.
Aus der Umfrage geht auch hervor, dass das Leseverhalten der Eltern bei
der Entwicklung von Lesemotivation bei den Kindern eine entscheidende
Rolle spielt. Die Wahrscheinlichkeit dass Jungen zu Büchern greifen
ist größer, wenn mindestens ein Elternteil, gleich ob Vater
oder Mutter, Bücher liest, als wenn keiner der Eltern Bücher
liest.
Untersuchung der Universität Erfurt 2001
Das Projekt „Zur Entwicklung von Lesemotivation bei Grundschülern
– Möglichkeiten und Grenzen schulischer Einflussnahme“,
gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), wurde im
Jahr 2001 an 24 Erfurter Grundschulen durchgeführt. Dabei wurden
1188 Schüler der Klassenstufen 2 – 4, deren Eltern (907) sowie
die Deutschlehrer (52) schriftlich befragt. Zentrale Frage der Untersuchung
ist, wie Grundschüler an Literatur herangeführt werden und welche
Faktoren sich dabei fördernd oder auch hemmend auswirken.
Eines der wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung war, dass zwischen zwei
Arten von Lesemotivation bei Grundschülern unterschieden werden muss:
- der Motivation zum Lesen von Büchern und Geschichten
- der Motivation zum Lesen von Comics, Bildergeschichten und Zeitschriften
Die Meinung, dass unabhängig davon, welche Lektüre zunächst
bevorzugt wird, sich durch „die eine Lesemotivation“ jeder
vom Individuum zum Leser entwickelt, wurde in dieser Erhebung nicht bestätigt.
Auch die Prämisse, dass sich aus der Lesemotivation für Comics
etc., eine Lesemotivation für Bücher entwickeln kann, bestätigte
sich nicht.
Als einflussreichster Faktor der Leselust von Grundschülern wurde
die Familie genannt. Das Gespräch mit den Eltern, das Vorlesen von
Büchern und damit zusammenhängend der Buchbesitz der Familie
spielen hierbei eine zentrale Rolle. Beim schulischen Einfluss auf die
Lesefreude ist der Spaß am Deutschunterricht entscheidend. Hier
entwickelt sich die Lesefähigkeit, die in direktem Zusammenhang mit
der Lesemotivation steht. Auch Gespräche über Gelesenes sind
wichtig, um die Grundschüler zum Lesen zu motivieren. Bei den Umfragen
hat sich herausgestellt, dass Mädchen mehr Spaß am Deutschunterricht
haben als Jungen, was sich wiederum auf die Lesefreude auswirkt. Auch
bei dieser Umfrage hat sich gezeigt, dass Mädchen lieber lesen als
Jungen.
Die Literaturauswahl der Lehrer sollte hierbei nicht außer Acht
gelassen werden. Probleme entstehen aus dem Nichtbehandeln von Literatur
(13 von 52 Lehrer/-innen gaben an, in dem gesamten Schuljahr nicht ein
einziges Buch behandelt zu haben), sowie aus der Nichtbeachtung der Interessen
der Schüler bei der Auswahl von Büchern.
Gerade bei der Untersuchung der Lesemotivation der Grundschüler wird
deutlich, dass der Einfluss der Familie und des Deutschunterrichts entscheidend
zur Lesefreude der Jungen und Mädchen beiträgt. Aber es ist
auch erkennbar, dass es in den Schulen Defizite gibt, welche verhindern,
dass Kinder gerne zu Büchern greifen. Es ist also dringend notwendig,
Leseförderung in Familien und Schulen voranzutreiben, damit die Kinder
nicht den Spaß an Büchern verlieren. Besonders bedacht werden
sollten Leseförderungsprogramme für Jungen.
Quellen
KIM-STUDIE 2003:
http://bildungplus.forumbildung.de/files/kim_2003.pdf
UNTERSUCHUNGEN DES IFAK 2001:
www.ifak-kindermedien.de/pdf/Jungen_lesen_anders.pdf
http://www.hdm-stuttgart.de/news/news20020424151311/thesen.pdf
UNTERSUCHUNG DER UNI ERFURT:
http://www.mdr.de/DL/139938.pdf
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