Lesen = Integration

Orkan Olgun

„In Deutschland kann man als Ausländer geboren werden und sterben ohne ein Wort Deutsch gesprochen zu haben.“ Egal, ob diese vermeintliche Weisheit stimmt oder nicht, der Zwang zur „Muttersprache Deutsch“ gilt nicht für ausländische Mitbürger.
Schulen, Dienstleistungen, Medien oder kulturelle Veranstaltungen – Deutschland ist eine multikulturelle Nation. Der türkische Supermarkt um die Ecke, der irische Pub, der italienische Pizzabäcker, der eigentlich aus Indien stammt, sind dafür ebenso Beispiele wie ein deutscher Anwalt türkischer Herkunft, der seinen ehemaligen Landsleuten das deutsche Recht auf Türkisch erklärt.
Im Laufe der ersten Jahre des 21. Jahrhunderts wurde klar, dass die Integrationsversuche ausländischer Gastarbeiter weitgehend gescheitert sind . Der Begriff der Parallelgesellschaft wurde geboren, der Erfolg einer Integration in Frage gestellt. Doch die Schuld wollte und will keiner auf sich nehmen..
Fakt ist, dass ausländische Schüler immer noch Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, obwohl sie teilweise der so genannten „dritten“ Generation von Ausländern angehören.
Fakt ist, dass weder die bisherige Bildungs- noch die Integrationspolitik eine Patentlösung bietet, die den Unterschieden in der Schul- und Berufslaufbahn deutscher und ausländischer Schüler und Jugendlicher ein rasches Ende bereitet.
Lese- und Sprachförderung in der Schule ist eine Möglichkeit, Fehler in der Vergangenheit zu vermeiden. Das Problem liegt allerdings in der Tatsache, dass solche Programme auch gegen alteingesessene Ressentiments in der ausländischen Bevölkerung gegen die deutsche Kultur und Sprache ankämpfen zu müssen.
In Deutschland leben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 7,3 Millionen Ausländer (Stand: Ende 2003). Der Anteil der Menschen mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit an der Gesamtbevölkerung Deutschlands lag somit bei rund 8,9 Prozent. Die größte Gruppe unter den Ausländern bildet die Gruppe der Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit. Der Anteil liegt bei etwa 26 Prozent aller Ausländer. Weitere Gruppen mit einem hohen Anteil an der Gesamtzahl sind Italiener (8,2 Prozent), sowie die Bürger Serbiens und Montenegros (7,7 Prozent).
Die ausländische Bevölkerung ist durchschnittlich jünger als die der Bundesbürger. Überdurchschnittlich hoch ist der Anteil der unter 25-Jährigen bei den türkischen Staatsangehörigen mit etwa 38,3 Prozent. Der Ausländeranteil in den einzelnen Bundesländern liegt zwischen zwei Prozent in Thüringen und in Sachsen-Anhalt, sowie bei 14,6 Prozent in Hamburg. Einzelne Städte in Deutschland weisen Ausländeranteile bis über 30 Prozent auf. In vielen Großstädten existieren so genannte „ghettoähnliche“ Stadtteile, in der die deutsche Bevölkerung sich weitestgehend in der Minderheit befindet.
Die Unterschiede zwischen deutschen und ausländischen Schülern bei der Art ihres Schulabschlusses sind hoch. Der Anteil der deutschen und ausländischen Schulabgänger allgemeinbildender Schulen ohne Hauptschulabschluss an der gleichaltrigen deutschen und ausländischen Bevölkerung ergibt bei den Deutschen einen Wert von 8,5 Prozent, bei den Ausländern ist der Anteil mit 16,6 Prozent deutlich höher.
Auch der Anteil der Schulabgänger mit einem Hauptschulabschluss an der gleichaltrigen Bevölkerung ist unter den ausländischen Schülern höher als unter den deutschen. Der Anteil der deutscher Schüler mit Hauptschulabschluss an der deutsche Bevölkerung liegt bei rund 28,5 Prozent. Der Anteil ausländischer Schüler hingegen liegt jedoch bei 39,5 Prozent.
Die Anzahl der Absolventen mit einem Realschulabschluss unter der gleichaltrigen deutschen Bevölkerung liegt mit rund 50,8 Prozent höher als bei den ausländischen Schülern, die bei rund 30,2 Prozent in Bezug auf die gleichaltrige ausländische Bevölkerung liegt.
Deutliche Unterschiede zeigen sich zwischen deutschen und ausländischen Schülern vor allem im Hinblick auf die Studienberechtigung. Bundesweit wird eine Hochschul- oder Fachhochschulreife von rund 40,1 Prozent der deutschen, aber nur 13 Prozent der ausländischen Bevölkerung erworben.
Die Leseförderung beginnt in der Familie und bildet die Weiterführung der Sprachförderung. Die Kenntnis der Sprache, die man in dem Land spricht, in dem man den Großteil seines Lebens voraussichtlich verbringen wird, ist der Schlüssel für die Gestaltung der schulischen, beruflichen Karriere, sowie für das Privatleben.
Ein ausländischer Schüler ohne gute sprachliche Qualitäten wird nie den guten Schulabschluss und die Möglichkeiten eines Schülers haben, der keine Probleme mit der Sprache hatte. Ausländische Schüler starten oft mit sprachlichem Rückstand in die Schullaufbahn. Erst durch die Doppelbelastung der Sprach- und Leseförderung während der Grundschule wird versucht, diese Rückstände zu minimieren. Häufig werden die sprachliche Qualitäten gleichaltriger deutscher Schüler nie eingeholt. Dazu kommen Probleme mit der eigenen Muttersprache, die oftmals Haupt-bestandteil der Kommunikation innerhalb der Familie, im Kreis der Verwandten und womöglich auch der Freunde ist. Das gesamte Sprachwissen der Kinder und Heranwachsenden teilt sich in zwei ungleiche Sprachhälften auf.
Lese- und Sprachförderung sollte dementsprechend Hand in Hand mit einer Integrationspolitik gehen, die fremde Kulturen nicht ausgrenzt, sie nicht herabsetzt oder gar durch Vorurteile und falsches Wissen nicht korrekt wiedergibt. Solange das Gefühl „Heimat“ in den ausländischen Familien in dem – immer noch – fremden Land fehlt, wird die deutsche Sprache immer Zweitsprache bleiben.
Lese- und Sprachförderung gehört zur Integration ausländischer Kinder in die deutsche Gesellschaft. Ohne die sprachliche Qualifikation ist die Teilnahme am sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Leben in Deutschland nur unter erschwerten Bedingungen gegeben. Die Chance auf eine Weiterentwicklung erstickt im Keim.

Quellen
Daten-Fakten-Trends: Strukturdaten der ausländischen Bevölkerung, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (Hrsg.)
http://www.integrationsbeauftragte.de/download/Strukturdaten.pdf
Ausländische Schüler und Schulabsolventen 1991 bis 2000 in den Statistischen Veröffentlichungen der Kultusministerkonferenz Nr. 163 vom Oktober 2002; Sekretariat de Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn (Hrsg.)
http://www.kmk.org/statist/ausl_txt.pdf#search='ausländische%20schüler%20absolventen'
In der Diskussion: Mehrsprachigkeit an deutschen Schulen – ein Länderüberblick Nummer 10 – August 2001; Die Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen (Hrsg.)
http://www.integrationsbeauftragte.de/download/diskussion10.pdf
Lesen im internationalen Vergleich: ein Forschungsgutachten der Stiftung Lesen für das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft, Stiftung Lesen, Berlin: Quintessenz 1990
Türkische Jugendliche als Leser: Leseverhalten und Leseförderung der zweiten Generation in er Bundesrepublik Deutschland; Weers, Dörte: Iudicium-Verlag, München 1990

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