Lesende Frauen in der Malerei

Julia Kappes; Maris Palmi

Der männliche Blick auf weibliches Lesen
Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Doch manchmal sind diese 1000 Worte Teil eines Bildes. Geschriebenes in Büchern, Zeitschriften oder auf einem Stück Papier, in das sich Personen auf Kunstwerken vertiefen. Bereits die antike Lesekultur brachte lesende und lehrende Frauen auf Gemälde, die etwa die Gottesmutter Maria oder andere Heilige verkörperten. Doch „sofern es sich nicht um religiöse Schriften handelte“, wurde „das Studium, die ernsthafte Lektüre von Büchern (...) bis ins 18. Jahrhundert vorzugsweise den Männern zugeordnet.“ (zit. n. Assel / Jäger 1999, Seite 648). „Das religiöse Buch, als Attribut einem weiblichen Bildnis beigegeben, verweist auf ein frommes und gesittetes Leben – ein Leben das den kirchlichen und sozialen Normen genügt; ein weltliches Buch (...) signalisiert Bildung.“ (zit. n. Assel / Jäger 1999, Seite 649). Doch nicht nur das jeweilige Schriftgut erlaubt Aussagen über Hintergründe, etwa zur Geschichte des weiblichen Lesens. Auch manch lesend dargestellte Figur, die sich auf „historische, mythologische oder christliche Vorbildgestalten“ (zit. n. Assel / Jäger 1999, Seite 638) bezieht. Zur Veranschaulichung eignet sich besonders Rembrandts Gemälde der Prophetin Hannah: viele sehen darin Rembrandts Mutter. Es handelt es sich jedoch um die Prophetin Hannah, eine bedeutende Figur des alten Testaments, die in Jesus Gottes Sohn erkannte. Das Werk fand als Stich rasche Verbreitung und inspirierte vom 17. bis ins 19. Jahrhundert hinein mit dem Thema „Alte Frau mit Buch“ Zeitgenossen und Künstler nach der Ära Rembrandts. Im 19. Jahrhundert findet sich vorwiegend die weibliche Person als „Leserin geistlicher und schöngeistiger Literatur“ (zit. n. Assel / Jäger 1999, Seite 652) in Kunstwerken wieder. Doch das Motiv der Lesenden scheint nicht ausschöpfbar: auch in der modernen Kunst, etwa bei Picasso, wird die in die Lektüre vertiefte Frau thematisiert. Sechs Malereien zum Sujet der lesenden Frau und deren internationale männliche Schaffer werden im folgenden chronologisch und exemplarisch vorgestellt. (vgl. Assel / Jäger 1999)

Rogier van der Weyden (* ca. 1399 † 1464): Lesende heilige Maria Magdalena
Unter Rogier van der Weydens Auftraggebern fanden sich alle, die am burgundischen Hof Rang und Namen hatten. Hauptsächlich waren die Aufträge religiösen Zwecken gewidmet. Das Gemälde „Heilige Magdalena beim Lesen“ ist das größte dreier Fragmenten eines Altargemäldes von Rogier van der Weyden. Zuerst war der Hintergrund des Kunstwerks mit einem dunklem Farbton übermalt. 1955 wurde durch eine Röntgenaufnahme entdeckt, dass sich hinter der lesenden heiligen Magdalena der Körper eines Mannes befindet. Magdalena, die Maria von Magdala, gehörte zu den Frauen, die Jesus und seine Jünger begleiteten. Im neuen Testament wird sie als erste Zeugin von Jesu Auferstehung erwähnt. Sie gilt als authentische Vermittlerin der Lehre Christi. Der Legende nach ging Maria Magdalena mit zwei Begleitern nach Südfrankreich um das Evangelium zu verkünden (vgl. Delenda 1996).

Piero di Cosimo (* 1462 † 1521): Lesende Maria Magdalena
Zur Zeit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg wurden vor allem Bibeln vervielfältigt. Die lesende Maria Magdalena des Künstlers Piero di Cosimo hält ein solches Werk in ihren Händen (vgl. Knapp 1898). Juden- wie auch Christentum gelten als Schrift- und Buchreligion. So zählen zur christlichen Bild- und Darstellungswelt neben Gebotstafeln und Schriftrollen auch gedruckte Bücher, in denen die heiligen Schrift abgefasst ist (vgl. Assel / Jäger 1999, Seite 640). Die Gefährtin und Vertraute Jesu, Maria Magdalena, neigt auf Cosimos Malerei den Kopf in nachdenklichem Sinnen zur Bibel, „die schweren Augenlider zum Lesen gesenkt.“. „Es teilt sich dem Beschauer etwas mit von dieser lieblichen, stillen Andacht der Heiligen in ihrer Weltabgeschlossenheit.“ (zit. n. Knapp 1898, Seite 60).

Rembrandt Harmensz van Rijn (* 1606 † 1669): Prophetin Hannah
Kein Maler seiner Epoche galt als belesener und fühlte sich stärker zum Schrifttum hingezogen wie Rembrandt. Seinen Besitzstand schmückte zwar keine große Bibliothek, doch fanden Bücher im großen Maße Einzug in zahlreicher seiner Werke: in Regalen, auf Tischen von Predigern oder Anatomen, in den Händen von Poeten oder Geistlichen. Das Sujet Lesen war auch bei seinen Zeitgenossen beliebt. Rembrandts Werke weisen es jedoch als Akt absoluter Versenkung aus: wie etwa die Konzentration der Prophetin Hannah auf die heilige Schrift beweist (vgl. Schama 2000). Viele sehen in dieser alten Frau die Mutter Rembrandts, wie die meisten Frauen dieser Zeit Analphabetin, oder vermuten, dass sie für das Gemälde zumindest Modell saß (vgl. Vels Heijn 1991). Wahrscheinlich Gründe, weswegen das Motiv auch unter den Titeln Rembrandts Mutter und lesende alte Frau aufgefunden werden kann.

Jean-Honoré Fragonard (* 1732 † 1806): Die Lesende
J.H. Fragonard, ein Maler und Zeichner in der Stilepoche des Rokoko, bildete das Leben des Französischen Hochadels ab. Der von „Lustbarkeit, Vergnügen und des reizvollen Spieles“ (zit. n. Mandel / Wildstein 1972, Seite 6) geprägte Hochadel war der Auftraggeber für seine Bilder. Fragonard war der einflussreichste Interpret der Aristokratie und der vornehmen Gesellschaft während der Zeit Ludwig XV. So finden sich neben den idealisierten Gesellschaftsbildern auch Abbilder junger Frauen, die, typisch für diese Zeitära, „entweder lesen oder Toilette machen“ (zit. n. Mandel / Wildstein 1972, Seite 85). Fragonard versuchte das Weibliche mit scharfsinniger Sensibilität einzufangen. Das Gemälde „Die Lesende“ zeigt eine junge Frau, bekleidet mit einem sogenannten Spanischen Kostüm, beim Lesen eines Romans. Das bezaubernde Modell ist unbekannt (vgl. Mandel / Wildstein 1972).

Pierre-Auguste Renoir (* 1841 † 1919): Lesendes Mädchen
Frauen eröffnete die Lektüre in ihrer kleinen Welt des Haushalts ein „Fenster zur Welt“ (zit. n. Sagner-Düchting 1996, Seite 71), welches der Künstler Pierre-Auguste Renoir lieber geschlossen wissen wollte. Laut seiner Vorstellung von Emanzipation seien Frauen „so hochbegabt für ein Geschäft (...), dessen Bewältigung die Männer sich nicht einmal erträumen lassen: das Leben erträglich zu machen.“ (zit. n. Renoir 1990, Seite 78). Berufe wie Anwalt, Arzt oder Journalist sollten den Männern vorbehalten bleiben (vgl. Renoir 1990, Seite 78). Renoirs Äußerungen sind durchwegs Zeugen dieser Zeit: Frauen waren Hüterin des Heims, zuständig für Kinderbetreuung und Emotionalität (vgl. Sagner-Düchting 1996),. Das Fernhalten von der „Welt des Geistes und Intellektes“ ging einher mit dem Fernhalten von der „harten Realität“ (zit. n. Renoir 1990, Seite 78).

Pablo Picasso (* 1881 † 1973): Lesende Frau (Olga)
Charakteristisch für Picasso war eine hohe Konzentration auf sich selbst und sein Werk. Dies verlangte er auch von anderen Menschen, besonders von seinen Frauen. Sie mussten verstehen, dass sie im Dienst von Picassos Kunst standen. Olga Koklowa, ab 1918 Picassos Ehefrau und Muse, war das Modell für viele Werke Picassos. Gegenüber der Macht und sexuellen Anziehungskraft Picassos war sie trotz ihrer starken Persönlichkeit machtlos. Olga wurde von Picasso dominiert. Ihre Schwermut ist in vielen Bildern zu erkennen.

Quellen
ASSEL / JÄGER 1999
Assel, Jutta; Jäger, Georg: Zur Ikonographie des Lesens – Darstellung von Leser(inne)n und des Lesens im Bild. In: Franzmann, Bodo u. a. (Hrsg.): Handbuch Lesen. München: Saur Verlag, 1999, Seiten 638 - 668.
BETZ 1982
Betz, Gerd: Auguste Renoir: Leben und Werk. Stuttgart: Belser, 1982.
CUZIN 1988
Cuzin, Jean-Pierre: Fragonard: Leben und Werk: Œvre-Katalog der Gemälde. München: Klinkhardt und Biermann, 1988
DELENDA 1996
Delenda, Odile: Rogier van der Weyden: Das Gesamtwerk. Stuttgart: Besler Verlag, 1996
DOUGLAS 1946
Douglas, Langton R.: Piero di Cosimo. Chicago: University of Chicago Press, 1946
FEIST 1987
Feist, Peter H.: Pierre-Auguste Renoir: 1841-1919: Ein Traum von Harmonie. Köln: Benedikt Taschen Verlag, 1987.
HOCKNEY 1997
Hockney, David: Picasso: Fünf Essays über Picassos Werk. Bielefeld: Pendragon Verlag, 1997
KNAPP 1898
Knapp, Fritz: Piero di Cosimo: Sein Leben und seine Werke. Halle an der Saale: Verlag Wilhelm Knapp, 1898, Seiten 59 - 62
MAILER 1996
Mailer, Norman: Picasso: Portrait des Künstlers als junger Mann: eine interpretierende Biographie. München: Piper Verlag, 1996
MANDEL / WILDSTEIN 1972
Mandel, Gabriele; Wildstein, Daniel: Das Gesamtwerk von Fragonard. Mailand: Rizzoli Editore, 1972
MUSEE D`ORSAY 1986
Musée d`Orsay: Meisterwerke der Impressionisten und Post-Impressionisten. Stuttgart: Klett Cotta, 1986
O`BRIAN 1979
O`Brian, Patrick: Pablo Picasso: eine Biographie. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, 1979
RENOIR 1990
Renoir, Jean: Mein Vater Auguste Renoir. München: Piper Verlag, 1990.
SAGNER-DÜCHTING 1996
Sagner-Düchting, Karin: Renoir: Augenblicke des Glücks. München: Prestel Verlag, 1996.
SCHAMA 2000
Schama, Simon: Rembrandts Augen. Berlin: Siedler Verlag, 2000.
STASSINOPOULOUS HUFFINGTON 1988
Stassinopoulous Huffington, Arianna: Picasso: Genie und Gewalt: ein Leben. München: Droemer Knaur, 1988
VELS HEIJN 1991
Vels Heijn, Annemarie: Rembrandt. Stuttgart: Parkland Verlag, 1991.
WEISNER 1991
Weisner, Ulrich (Hrsg): Picassos Surrealismus: Werke 1925-1937. Bonn: Gerd Hatje Verlag, 1991
WRIGHT 2000
Wright, Christopher: Rembrandt. München: Hirmer Verlag, 2000.

Seitenanfang



home
Dokumentation
Ausstellung
Downloads
Kontakt
Partner
Impressum