La Roche, Sophie: „Geschichte
des Fräuleins von Sternheim“
Sophie von Sternheim besitzt alle typischen Eigenschaften einer Romanheldin
aus dem 18. Jahrhundert. Die bleiche und hübsche Hauptakteurin verliert
im Alter von neun Jahren ihre Mutter. Diese war eine unstandesgemäße
Ehe mit dem Sophies Vater eingegangen, einem Bürgerlichen, der erst
später für seine Verdienste geadelt wird. Ihr Vater und die
Lektüre von Büchern formen die kleine Sophie zu einer tugendsamen
jungen Frau. Von beiden lernt sie alles, was ihr moralisch wertvoll, lieb
und teuer ist und an dem sie auch in Krisensituationen fest hält.
Dem typischen Weiblichkeitsideal der Zeit entsprechend liebt sie Handarbeiten,
das Malen, Tanzen, Singen und Musizieren. Zusätzlich erlernt sie
von ihrem Vater die Tugend, die ärmeren bürgerlichen Bevölkerungsschichten
zu achten und ihnen in Zeiten der Not zu helfen. Ihre Wissbegierde und
der ihr dadurch nie langweilig werdende Landalltag bestimmen ihr Leben.
Durch das Lesen von Büchern wird sie u.a. mit den „Urbildern“
der gesellschaftlichen Welt des Adels bekannt gemacht. Sophie, durch diese
Erziehung gut ausgebildet und selbstbewusst, aber dennoch naiv, kommt
nach dem Tod ihres Vaters vom abgeschiedenen Landleben in die reale Welt
der Stadt-Gesellschaft zu Tante und Onkel..
Sophies fiktionale „Urbilder“ aus den Büchern und die
Realität der Stadt-Gesellschaft treffen aufeinander. Die ihr von
Verehrern gemachten Komplimente findet sie übertrieben geschauspielert.
Die Tage sind angefüllt mit sinnlosen Vergnügungen Eine Welt,
in der die Menschen warmherzig und aufrichtig sind und Interesse an der
Erweiterung ihrer Fähigkeiten und Kenntnisse besitzen, gibt es hier
nicht. Ihr Onkel und ihre Tante lieben sie nicht, nutzen sie nur für
ihre eigenen Zwecke aus. Allein in ihren Büchern findet sie Zuflucht.
Als die Verwandten ihr eines Tages die Bücher wegnehmen, schreibt
sie an ihre gute Freundin Emilia,
„Ein unartiger Spaß, der sie nichts nützen wird, denn
ich will desto mehr schreiben; neue Bücher will ich nicht kaufen,
um sie nicht über meinen Eigensinn böse zu machen. Oh, wenn
nur meine Tante R. bald käme![...] Sie ist zärtlich, ruhig,
sucht und findet in den Schönheiten der Natur, in den Wissenschaften
und in guten Handlungen das Maß von Zufriedenheit, das man hier
sucht, wo man es nicht findet und das Leben vertändelt.“ .
Eines Tages bietet sich ihr die unverhoffte Gelegenheit, inmitten dieser
langweiligen Gesellschaft einen deutschen Gelehrten (Herrn **) und einen
französischen Schriftsteller kennen zu lernen. Bei Herrn ** „geizte
[sie] nach jeder Minute“ . Er beantwortet ihr die vielen wissbegierigen
Fragen, schlägt ihr gute Bücher vor und zeigt ihr, wie sie diese
lesen müsste. Enttäuscht stellt sie fest, dass sonst niemand
in der Gesellschaft daran denkt, diesen „gütigen Weisen für
den Geist zu benützen“ .
Der französische Schriftsteller entpuppt sich zwar für die Gesellschaft
als hervorragender Unterhalter, aber sie stellt zu ihrem Bedauern fest:
„So angenehm es mir anfangs war, ein Urbild der Gemälde zu
sehen, die mir schon so oft in Büchern von diesen Mietgeistern der
Reichen und Großen in Frankreich vorgekommen waren; so wurde ich
doch schon am vierten Tage seiner leeren und nur in anderen Worten wiederholten
Erzählungen [...] in Paris herzlich müde.“
Enttäuscht über die Oberflächlichkeit der Gesellschaft
und ihrer Bücher beraubt, versucht sie ihr inneres Gleichgewicht
wiederherzustellen. Das probiert sie durch heimliche gute Taten, in Form
von Geldgeschenken an die ärmere Bevölkerung und durch das Weitergeben
ihres Wissens, zu erreichen. Gleichzeitig ist sie gezwungen, sich in der
Gesellschaft zu verstellen, um sich ihrer so augenscheinlich anzupassen.
„Ich bin hier niemanden, am wenigsten mir selbst, nütze; das
Beste, was ich denke und empfinde, darf ich nicht sagen, weil man mich
lächerlich ernsthaft findet; und so viel Mühe ich mir gebe,
aus Gefälligkeit gegen die Personen, bei denen ich bin, ihre Sprache
zu reden, so ist doch meine Tante selten mit mir zufrieden [...].“
Dank ihrer Bücher und ihres gesunden Menschenverstands glaubt sie,
den wahren Charakter der Menschen zu (er)kennen und schwört, nie
auf einen oberflächlichen Verehrer hereinzufallen..Für Ihre
Überzeugung, dass der Wert einer Frau nicht nur in ihrem Äußeren
besteht, sondern auch in ihrer Bildung, lässt sie die Autorin Sophie
La Roche zwar mehrere Enttäuschungen erleiden, aber immer an diesem
Glauben festhalten. Dass eine Frau durch eine gute (Aus)Bildung viel Nützliches
für die Gesellschaft leisten kann, beweist Sophie von Sternheim nachdem
ihr eine Scheinehe vorgegaukelt und sie verlassen wurde. Sie arbeitet
als Lehrerin für Dienstmädchen und versucht auch sonst, ihr
Wissen und ihre Kenntnisse weiter zu geben.
Sophie La Roche forderte die Bildung der Frau. Das erregte in Deutschland
großes Aufsehen. „Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim“
ist der erste von einer deutschen Frau verfasste Roman und der erste literarische
Briefroman, der in Deutschland herausgegeben wurde. Zuerst erscheint er
anonym unter dem Namen ihres Freundes Wieland. Von ihren männlichen
Kollegen wird sie hoch gelobt. Literaturwissenschaftler befinden sogar,
dass dieser Roman die Vorlage zu "Die Leiden des jungen Werthers"
des damals noch jungen Goethe gewesen ist.
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