Flaubert, Gustave: „Madame Bovary“
Emma Rouault, Tochter eines wohlhabenden Bauern, heiratet nach einigen
Jahren Erziehung in einem Klosterinternat den biederen und mäßig
erfolgreichen Landarzt Charles Bovary. Schon bald nach der Hochzeit werden
ihre, durch die Lektüre zahlreicher Liebesromane und Frauenzeitschriften
geprägten, Träume und Illusionen von einem Leben voll Luxus
und Leidenschaft enttäuscht. Vor der Enge und Langeweile ihrer Ehe
flüchtet sie sich in eine Scheinwelt der Bücher und Tagträume
und verliert mehr und mehr den Bezug zur Wirklichkeit. In heimlichen Liebesaffären
versucht sie die romantische Liebe zu finden, die sie aus ihrer Lektüre
kennt, und lebt nebenbei mit dem Kauf kostbarer Stoffe und Möbel
weit über ihre Verhältnisse. Dabei verstrickt sich Madame Bovary
immer tiefer in Lügen und Schulden, bis sie in ihrer Verzweiflung
schließlich keinen anderen Ausweg mehr sieht, als sich zu vergiften
Bereits in ihrer Jugend wird Emma mit der Art von Literatur bekannt gemacht,
die ihr gesamtes Leben und ihre Lebenssicht bestimmen werden. Eine Näherin
leiht den Mädchen des Klosterinternats Liebesromane, die Emma heimlich
im Schlafsaal verschlingt. Die Bücher handeln „immer nur von
Liebschaften, Liebhabern und Geliebten, verfolgten Damen, die in einsamen
Pavillons in Ohnmacht sanken, von Postillonen, die bei jedem Pferdewechsel
umgebracht werden, von Pferden, die man auf jeder Seite zuschanden ritt,
von finsteren Wäldern, Seelenkämpfen, Schwüren, Schluchzen,
Tränen und Küssen, Nachen im Mondschein, Nachtigallen in den
Gebüschen, Herren, die tapfer wie Löwen, sanft wie Lämmer
und unvorstellbar tugendhaft waren, dazu stets schön gekleidet und
tränenselig wie Urnen.“ Später wählt sie Werke von
Walter Scott und Lamartine und begeistert sich für historische Begebenheiten
und die Schicksalte berühmter „unglücklicher“ Frauen
wie Jeanne d’Arc und Heloise. Dennoch liest sie all diese Bücher
nicht etwa um sich zu bilden, sondern nur, um sich „leidenschaftliche
Erschütterung“ zu verschaffen. „Alles andere nimmt sie
nicht wahr, weder in den Büchern noch in der sie umgebenden Wirklichkeit“
.
Madame Bovary ist nicht in der Lage zu erkennen, dass Literatur nur Fiktion
ist, und versucht die in den Romanen vermittelten Tagträume in ihrem
realen Leben zu finden. So ist sie ständig auf der Suche nach dem
„wahren“ Leben voller Leidenschaft, Romantik und Glanz, wie
sie es aus ihren Romanen kennt. Sie flüchtet vor der steifen Klostererziehung
zurück auf den Bauernhof ihres Vaters und „gefällt sich
anfangs darin, das Gesinde herumzukommandieren“ , doch schon bald
hat sie das Landleben satt und sehnt sich nach Besserem. Mit ihrer Hochzeit
glaubt sie, endlich das große Glück gefunden zu haben, aber
ihre hohen Erwartungen werden im Alltag, als kleinbürgerliche Ehefrau
des einfachen und langweiligen Charles, bitter enttäuscht. Ernüchtert
von ihrer Ehe „sucht sie zu erfahren, was man im Leben eigentlich
unter Seligkeit, Leidenschaft und Liebesrausch“ versteht . Mit dem
Kauf zahlreicher Luxusgüter und ihren Liebesaffären versucht
sie ihren geliebten Romanheldinnen ähnlicher zu werden. Nach ihrem
ersten Ehebruch setzt sie sich vor ihren Spiegel, denkt an die Heldinnen
ihrer Romane, und „die gefühlvolle Schar dieser Ehebrecherinnen
singt in ihrem Gedächtnis mit schwesterlichen Stimmen“ und
Emma „zählt sich nun selbst zu dieser Art liebender Frauen,
die sie so sehr beneidet hat“ .
Trotz ihrer hohen Schulden und den beiden gescheiterten Liebesaffären
sieht Emma Bovary ihren Irrtum nicht ein. Sie kann ihre Wahrnehmungsfehler,
ihr Unvermögen zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden,
nicht erkennen und hält unbeirrt an ihrem falschen Selbstbild fest.
Als sie schließlich feststellen muss, dass sie ihre Familie materiell
in den Ruin getrieben hat und ihre Lügen ans Licht zu kommen drohen,
gesteht sie ihrem Mann nicht die Wahrheit, sondern „flüchtet“
in den Selbstmord. Und sogar ihren Tod versucht sie zu inszenieren wie
in einem ihrer Romane: dramatisch schluckt sie vor dem Apothekerlehrling
Rattengift und schreibt ihrem Mann einen Abschiedsbrief. Doch auch ihre
letzte Illusion von einem schönen und vor allem mitleiderregenden
Tod wird nicht erfüllt: sie „durchleidet ein elendes, langes
und überaus schmerzvolles Sterben“ .
Mit der Veröffentlichung von „Madame Bovary“ 1856 in
der „Revue de Paris“ gilt Flaubert als Schöpfer des modernen
Romans. Emma Bovary ist eine der ersten entheroisierten Romanfiguren,
eine Antiheldin, die nicht gegen die sozialen Normen ankämpft, sondern
als „eine launische, unzufriedene, egozentrische, dümmliche
und nach Leidenschaft schmachtende Frau“ dargestellt wird. Das Thema
des Romans löste zur damaligen Zeit einen Skandal aus. Unter anderem
wegen dem Vorwurf „der Verherrlichung des Ehebruchs“ wurde
Flaubert der Immoralität angeklagt, im Laufe des Prozesses jedoch
freigesprochen. Der Autor konnte sich keine bessere Werbung für seinen
Roman wünschen und wurde sozusagen über Nacht berühmt.
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