Austen, Jane: „Die Abtei von Northanger“
Catherine Morland ist keine richtige Heldin wie sie im Buche steht,
möchte es aber gern sein. Wer hat nicht schon einmal davon geträumt,
alte Burgen und Schlösser zu durchstreifen und dabei ein geheimes
Verlies, eine Geheimtür, ein Geheimfach oder Sonstiges zu entdecken?
Auch Catherine Morland geht es nicht anders. Sie ist so gar nicht der
Typ Frau, den man in den Romanen des 18./19. Jahrhunderts findet. Als
Kind schon früh sich selbst überlassen, mag sie statt Musik,
Malen, Handarbeiten und Lesen von lehrreicher Literatur lieber Reiten
oder Baseball und Cricket spielen. Die Familie der durchschnittlich hübschen
Catherine ist bürgerlich und gut situiert. Ihr Vater ist ein Geistlicher
und die Mutter sorgt daheim für die zehn Kinder der Familie.
Im Alter von 15 – 17 Jahren liest Catherine alle Romane, mit Vorliebe
Schauerromane, die sie bekommen kann, „denn, soweit sie nicht rein
belehrend waren, hatte sie gegen Bücher nichts einzuwenden.“
.
„Nach Pope lernte sie die Menschen zu beurteilen, die ,Unter der
Maske des Schmerzes sich bergen.’
Nach Gay, dass ,Manche Blume ungesehen blüht, Und ihren Duft in Einsamkeit
verschwendet.’.
Von Shakespeare [...] dass eine junge, verliebte Frau immer aussieht ,Wie
ein Denkmal der Geduld, zulächelnd grauem Kummer’. “
Da Catherine Morland nicht gern lernt und schon früh sich selbst
überlassen bleibt, ersetzt die fiktive Unterhaltungsliteratur ihre
erziehenden Eltern. Das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit fängt
an bei ihr zu verschwimmen. Sie beginnt in ihrem eigenen Leben nach dem
Romanhaften zu suchen und die romanhafte Fiktion in ihre Wirklichkeit
zu projizieren.
So ist es nicht verwunderlich, dass sie ihre Nachbarschaft für langweilig
hält. Ein Verehrer ist für sie hier nicht vorhanden, denn es
gibt „nicht einen einzigen jungen Mann von dunkler Herkunft“
, der ihr Herz hätte erobern können.
Um so erregter ist die siebzehnjährige Catherine, als die befreundete
Familie Allen sie in den Kurort Bath einlädt. Sie ist begeistert
und freut sich sehr auf den noch unentdeckten, „geheimnisvollen“
Ort. Doch sie wird enttäuscht. Bath entpuppt sich als ein ganz normaler
Kurort.. Hier muss sie sich jedoch zum ersten Mal ihrer Unwissenheit schämen.
Bei einem Spaziergang mit Henry Tilney kann sie dem Gespräch über
Kunst nicht folgen. Sie ist überrascht, dass Miss Tilney Geschichtswerke
gut gefallen, während sie ironischerweise dazu meint: „Das
meiste davon muß doch erfunden sein.“ Sie fühlt sich
von dieser Art Bücher mehr gequält als belehrt.
Während ihres Aufenthaltes in Bath lernt Catherine auch die einige
Jahre ältere Isabella Thorpe kennen. Beide tauschen sich über
Romane aus, denn Isabella liest ebenso gern wie Catherine. Im Unterschied
zu Catherine weiß sie aber die Fiktion der Romane von der Wirklichkeit
zu trennen. Trotzdem inszeniert sich Isabella gern, indem sie in der bildhaften
Romansprache redet, während sie es in Wirklichkeit es anders meint.
Catherine „verfügt trotz ihrer Lektüre bislang nur über
den Code des bürgerlichen Wohlstands und gesunden Menschenverstands
und teilweise über den des Schauerromans. Sie verwendet Sprache denotativ
und eindeutig und weiß noch nicht, dass Wörter mehrere Bedeutungen
haben oder gar lügen können – das lernt sie erst in Bath
von Isabella.“ .
Den daraus entstehenden Missverständnissen entspringen immer wieder
komische Gesprächssituationen. Aus der Freundschaft Catherines mit
den Tilneys ergibt sich eine Einladung zu deren Wohnsitz, der Abtei von
Northanger. Als die Einladung ausgesprochen wird, geht ihre Fantasie wieder
einmal mit ihr durch. Außer sich vor Freude, beginnt sie sofort
sich „lange, feuchte Gänge, enge Zellen, eine zerfallene Kapelle
[auszumalen] [...] und [hofft dabei] auf irgendeine grausige Erinnerung“
zu stoßen.
Bei ihrer Ankunft stellt sie jedoch enttäuscht und trotzdem erleichtert
fest, dass die Abtei ganz normal und wohnlich eingerichtet ist. Ihr Entdeckergeist
und ihr Gefühl für das Geheimnisvolle sind ungebrochen. In ihrem
Zimmer gewahrt sie einen alten Sekretär. Völlig befangen von
der Vorstellung, alte Geheimfächer zu entdecken, durchforscht sie
mitten in der Nacht diesen alten Sekretär. Sie findet ein Geheimfach
mit vielen alten Blättern darin. Traurig und enttäuscht stellt
sie am folgenden Tag fest, daß die bei Nacht gefundenen Schriftstücke
alte Wäschelisten sind.
Doch kaum hat sie sich von dieser enttäuschenden Schatzsuche erholt,
blüht ihre Phantasie wieder auf. Das Schlüsselereignis ist hierbei
ihr Einbildung, der Vater von Henry Tilney habe seine Frau ermordet. Als
sie diese Vermutung Henry Tilney, in den sie heimlich verliebt ist, mitteilt,
wird sie von ihm brüsk zurecht gewiesen. „Befragen sie Ihren
Verstand, Ihr Gefühl für das Wirkliche.“
Catherine merkt hier endlich, wie sehr sie sich ständig in ihren
Fiktionen befindet, und läuft weinend und voller Scham davon. „Die
romantischen Traumbilder waren verflogen und Catherine völlig erwacht.
Henrys Worte hatten ihr die Augen gründlicher für ihre überspannten
Vorstellungen geöffnet, als alle Enttäuschungen bewirkt hatten.“
Trotz ihres „Erwachens“ schafft sie es, sich ihre Phantasiebilder
durch die Lektüre von Büchern zu bewahren. Zwar sucht sie den
Wahrhaltsgehalt der Bücher nicht mehr „in den mittleren englischen
Grafschaften“ , aber in den anderen Ländern der Welt, die ihr
noch unbekannt sind und dadurch immer noch geheimnisvoll erscheinen.
Jane Austen, die Schriftstellerin
Die Romanautorin schuf mit Catherine Morland eine Frauenfigur des 18./19.
Jahrhunderts, die die fiktive Romanwelt in ihre eigene Realität zu
übertragen versucht.
Catherine wird im ersten Satz der Lektüre sofort als Anti-Heldin
eingeführt. Diese Vorstellung bekräftigt nochmals die Fiktionalität
des Romans. Damit trifft die Schriftstellerin eine klare Aussage, die
sie durch dieses Buch beabsichtigt: "Frauen (des 19. Jahrhunderts),
lest die Romane mit einem gewissen Abstand und identifiziert euch nicht
zu sehr mit diesen Texten. Achtet eher darauf, wie der Roman erzählt
wird und nicht nur darauf, was er erzählt". |