Irving, John: „Garp und wie er die Welt sah"

New Hampshire, Anfang der Vierziger Jahre: Jenny Fields, Tochter eines Bostoner Schuhfabrikanten, hat ihren eigenen Kopf. Als sie bemerkt, dass ihre Eltern sie nur deshalb auf das renommierte Wellesley College schicken, damit sie den Umgang mit Männern oder besser noch einen potentiellen Ehemann kennen lernt, schmeißt sie kurzerhand die Englische Literatur für die Krankenpflege hin. Ihre Erfahrungen mit aufgeblasenen Collegestudenten und mit arroganten Soldaten lassen sie zu dem Entschluss gelangen, sich fortan überhaupt nicht mehr mit Männern einzulassen. In ihrer Biographie schreibt sie später:
„In dieser Welt mit ihrer schmutzigen Phantasie ist man entweder jemandes Frau oder jemandes Hure – oder auf dem besten Wege, das eine oder das andere zu werden. Wenn du in keine der beiden Kategorien passt, dann versuchen alle, dir das Gefühl zu vermitteln, dass irgend etwas bei dir nicht stimmt. Aber“, dachte sie, „bei mir stimmt alles.“
Sie mag ihren Beruf als Krankenschwester und ihr gefällt ihr Leben – ohne Mann, ohne die der damals gängigen Moralvorstellungen entsprechenden gesellschaftlich zugedachten Rolle als Ehefrau.
„Ich wollte arbeiten, und ich wollte allein leben“ schrieb sie. „Das machte mich zu einer sexuell Verdächtigen.“ Dann wollte ich ein Kind haben, aber ich wollte deswegen weder meinen Körper noch mein Leben mit jemandem teilen“, schrieb Jenny. „Auch das machte mich zu einer sexuell Verdächtigen.“
Das ist auch der Titel ihrer berühmten Autobiographie, die eine ganze Nation polarisiert. „Eine sexuell Verdächtige“ macht sie zur Zielscheibe antifeministischen Hasses und gleichzeitig zu einer Leitfigur des Feminismus mit Millionen von Anhängerinnen und Nachahmerinnen.
Jenny bekommt ihr Kind, wenn auch auf eine recht lustlose, ja beinahe klinische Weise. Sie bringt den schwer verwundeten Technical Sergeant Garp zu einem letzten sexuellen Akt. und sieht keine Veranlassung, diese Prozedur jemals zu wiederholen. In ihrer geschlechtlichen Unabhängigkeit fühlt sie sich stärker als je zuvor, so dass bösartige Bemerkungen über die zweifelhafte genetische Herkunft ihres kleinen Garp an ihr abperlen wie Regentropfen.
Nach der Geburt arbeitet sie als Krankenschwester an der berühmten „all-male“ Steering School, wobei es fast ironisch scheint, dass ausgerechnet sie, die Männer ablehnt, nun mit beinahe 800 Jungen auf einem Gelände zusammenlebt. Sie stellt sich als eine eifrige Leserin der Schulbibliothek heraus. Sie liebt die Literatur, hat jedoch nie etwas über sie zu sagen. Das finden die meisten verwunderlich. In einer Gemeinschaft wie der Steering School ist jemand, „der aus irgendwelchen verborgenen Gründen liest, jedenfalls nicht um darüber zu sprechen, ein Sonderling.“
Man fragt sich, wozu sie liest. Am meisten fragt man sich jedoch, wozu sie in ihrer freien Zeit Kurse besucht. Eine Krankenschwester, die sich, ohne jemals einen einzigen Kommentar darüber zu verlieren, den Verlauf der Geschichte, die Entwicklung der Genetik, die Geographie, die Literatur und Kunst erklären lässt und aneignet, ist zweifelsohne eine merkwürdige Person. Doch Jenny stört sich nicht daran. Sie hört sich schweigend an, was diese Schule zu bieten hat und erhält die Bildung, die sie sich immer gewünscht hat.
Nach und nach schafft sie selbst so viele Bücher an, dass ihre kleine Wohnung aus allen Nähten platzt und die Bücher in den Krankenhaustrakt ausweichen. In allen Zimmern stehen Regale voller Bücher, und die Patienten können ihre Aufenthalte mit dem „Zauberberg“ von Thomas Mann oder den Helden von Joseph Conrad oder Herman Melville kurzweiliger und erträglicher machen. Jenny hat nichts übrig für leichte Lektüre oder für platte Illustrierte, die man in anderen Krankenhäusern findet. Sie will ihren Patienten anständige Literatur bieten.
Und der gute Ruf der guten Lektüre des Krankenreviers spricht sich bald herum. Nach vielen Jahren ihrer Tätigkeit als lesende Krankenschwester verweisen die Schulbibliothek, ja sogar die örtliche Buchhandlung ihre Kunden auf Jenny Fields, wenn ein Buch nicht vorrätig, nicht zu beschaffen oder vergriffen ist.
Jenny hat sich daran gewöhnt, in den Augen der anderen als sonderbar zu gelten. Eine alleinerziehende, berufstätige Mutter eines unehelichen Kindes, die Unmengen von Büchern verschlingt und keinen Hehl aus ihrer Art zu leben macht, ist durchaus vielen Anfeindungen ausgesetzt. Doch sie zieht ihren Garp weiterhin allein groß, und als dieser die Steering School beendet, beschließen sie, für eine Weile nach Europa zu gehen.
Garp will Schriftsteller werden, und Jenny hat nun endlich genug Zeit, mit ihrer Biographie anzufangen. In Wien schreibt sie ihr Leben auf. 1158 Schreibmaschinenseiten enthalten all das, was Jenny der Welt über sich und ihre, wie sie meint, unpopuläre Entscheidung, wie sie ihr Leben gestaltet, zu sagen hat. Später in New York sucht sie den Verleger John Wolf auf. Ihr Buch wird ein Knüller. Es erreicht acht Auflagen und wird in sechs Sprachen übersetzt, noch bevor die Taschenbuchausgabe auf den Markt kommt. Die Medien überschlagen sich mit Kommentaren über die erste wahrhaft feministische Biographie. Jenny empfindet bei dem Wort „Feminismus“ ein leichtes Unbehagen. Für sie ist das Buch einfach nur ihr Leben.
„Und da es keine sehr populäre Entscheidung gewesen wäre, habe sie sich herausgefordert gesehen, etwas zu ihrer Verteidigung zu sagen“ , teilte sie John Wolf mit. Sie war der Meinung, dass Frauen über ihr Leben selbstbewusst entscheiden sollten. „Wenn dies sie zu einer Feministin mache“, sagte sie, „dann müsse sie wohl eine sein.“

Literatur als Politikum
Die meisten Frauen, die Jennys Buch lesen, finden ihre Entscheidung sehr wohl populär. „Eine sexuell Verdächtige“ rüttelt Millionen von Frauen auf, die sich, was den Lauf ihres Lebens betrifft, an Jenny ein Beispiel nehmen. Eine zeitlang wird das Verhalten von Frauen, die ihre Unabhängigkeit frei ausleben, als „eine Jenny Fields machen“ bezeichnet.
Jenny wird zu ihrer Leitfigur. Frauen suchen sie auf, um sich ihren Rat einzuholen und von ihrer Stärke zu profitieren. Später wandelt ihren elterlichen Familienbesitz „Dog’s Head Harbor“ in eine Art Krankenhaus für Frauen um, die physische und psychische Probleme haben, misshandelt werden oder einfach nicht wissen, wohin sie sollen. Somit hört Jenny in gewissem Sinne nie auf, eine Krankenschwester zu sein.
Sie setzt sich unermüdlich für die Belange der Frauen ein und engagiert sich in der Kommunalpolitik von New Hampshire. Dies bringt ihr eine Menge Sympathisanten, jedoch auch eine Reihe frauenfeindlicher Gegner ein. Ihr Werk, ihr Leben und ihr gewaltsamer Tod (sie wird von einem Mann erschossen) spiegeln die Brisanz und auch die politische Bedeutsamkeit der geschlechtsspezifischen Umwälzungen dieser Zeit wider.

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