Jean, Raymond: „Die Vorleserin“

Die 34-jährige Marie-Constance hat ihr Studium und die Schauspielschule abgebrochen. Sie lebt an der Seite ihres viel beschäftigten Mannes Philippe in den Tag hinein. Auf Anraten ihrer Freundin bietet sie in einem Zeitungsinserat ihre Dienste als Vorleserin an und schon bald melden sich etliche Interessierte. Die erotisierende Anwesenheit und betörenden Stimme von Marie-Constance in Verbindung mit dem jeweiligen Vorlesestoff löst in ihren Zuhörern ein Verlangen nach Befreiung aus ihren eingeengten Lebenssituationen aus. Dadurch gerät die Vorleserin im Laufe ihrer Tätigkeit in einige amouröse und skurrile Situationen, die ihr sogar Verwarnungen auf dem Polizeirevier einbringen. Doch erst als sie durch einen frivolen Lektürewunsch ihre Selbstachtung und Ehre zu verlieren droht, gibt sie ihren neuen Beruf auf.
Marie-Constance verfügt über beste Voraussetzungen als Vorleserin: sie besitzt eine geschulte, angenehme Stimme und ist bewandert in der Literatur. Trotzdem wendet sie sich mit der Frage nach geeigneten Texten an einen ihrer früheren Professoren. Der rät ihr zu den Naturalisten, denn „die schreiben präzise, da hat man Geschichten, Ereignisse, Fakten“ , insbesondere zu der Erzählung „Die Hand“ von Maupassant.
Obwohl sich Marie-Constance selbst fragt, wem sie „solche Greuelmärchen vorlesen soll“ , verwendet sie die Geschichte für ihre erste Lektürestunde bei dem 14-jährigen querschnittsgelähmten Eric. Der lässt sich von dem immer höher rutschenden Saum ihres Sommerkleides und den gruseligen Schilderungen so gefangen nehmen, dass er einen epileptischen Anfall bekommt. Die Vorleserin muss sich eingestehen, dass sie die Wirkung sowohl der Lektüre als auch die ihrer erotisierenden Anwesenheit auf den sensiblen Jungen unterschätzt hat. Trotz allem geht sie auf die Bitte des Jungen ein, weiterhin in ihrem luftigen Kleid zu erscheinen, und liest - nach kurzem Zögern - auch „gewagte“ Gedichte von Baudelaire. „Warum sollte er kein Recht auf Glück haben, auf Regen, auf Sonnenschein?“ .
Auch von ihren anderen Kunden lässt sich Marie-Constance dazu bringen, über die reine Vorlesesituation hinauszugehen. Eine schwächliche Generalswitwe lässt sich, trotz ihrer adeligen Abstammung, Texte von Karl Marx vortragen, denen sie mit glühender Verehrung lauscht. Inspiriert durch diese Lesungen, spielt sie am 1. Mai, eine rote Fahne schwenkend, „die Internationale“ ab und überredet Marie-Constance dazu, mit ihr in der ersten Reihe der Arbeiterkundgebung mitzumarschieren. Der unter Liebesentzug leidende Generaldirektor erhofft sich von Marie-Constance weit mehr, als nur Hilfe um seine Bildungslücken in Sachen Literatur zu füllen. Nachdem er ihr gesteht, seit einem halben Jahr von seiner Frau getrennt zu leben und sich nach weiblicher Gesellschaft zu sehnen, ist dies auch für die Vorleserin klar. Aus Mitleid und weil der erfolgreiche Geschäftsmann auch noch gut aussieht, beginnt sie eine lockere Affäre mit ihm, ohne dabei allerdings ganz auf die Lektüre zu verzichten. Für die von der Mutter vernachlässigten Clorinde wählt die Marie-Constance „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll als Lesestoff aus. Doch schon bald stellt sich heraus, dass dem kleinen Mädchen der Sinn mehr nach Bewegung und frischer Luft steht, als nach Stillsitzen und Zuhören. Und auch darauf lässt sich Marie-Constance ein und geht mit Clorinde zum Jahrmarkt am Rande der Stadt.
Trotz der sehr unterschiedlichen Lebenssituationen und Literaturwünsche der einzelnen Kunden, haben sie alle eines gemeinsam: sie erhoffen sich nicht nur Lektüre von Marie-Constance. Indem die Vorleserin ihre Dienste und ihre erotisierende Präsenz anbietet, setzt sie bei ihren älteren und jüngeren Zuhörern eine Art Befreiungsbewegung in Gang: dem Generaldirektor gewährt sie körperliche Liebe, der Generalin einen Ausbruch von klassenübergreifender Solidarität, den querschnittsgelähmten Eric lässt sie die Freuden der Erotik entdecken und die kleine Clorinde erkundet an ihrer Hand die Freiheit auf dem Rummel. Erst als drei ältere, lüsterne Herren sie dazu auffordern, ihnen „Die hundertzwanzig Tage von Sodom“ von Marquis de Sade vorzulesen, lehnt Marie-Constance ab und gibt das Vorlesen auf.
Raymond Jeans Roman ist „nicht nur eine Liebeserklärung an die Literatur und ihre Macht, sondern auch an die Erotik, die vom Akt des Vorlesens ausgehen kann“ .
Die satirische Sozialkomödie wurde 1988 von Michel Deville verfilmt und im gleichen Jahr bei den Filmfestspielen in Montreal mit dem Großen Preis ausgezeichnet. Erst durch den Erfolg des Filmes mit Miou-Miou in der Hauptrolle wurden Raymond Jean und sein Buch bekannter. 1999 produzierten Radio Bremen und der Saarländische Rundfunk gemeinsam das Hörspiel zum Buch, das seit September 2000 auch als Hörbuch im Handel erhältlich ist. „Eine erotische Liebeserklärung an die Literatur, ein federleichtes Sommervergnügen“, so schreibt die taz über das Hörspiel von Andreas Lammers. Und auch laut FAZ erscheint kaum ein Roman „geeigneter zur Hörversion als „Die Vorleserin“. Das Medium verdoppelt gleichsam die Relation Vorleser-Hörer, die der Stoff bereits vorgibt“.
Der 1925 in Marseille geborene Schriftsteller Raymond Jean wurde zunächst vom Sozialrealismus und dem Nouveau Roman beeinflusst. Er verfasste neben „La lectrice“ noch drei weiteren Romane: „Les Grilles“ (1963), „La Vive“ (1968) und „Mademoiselle Bovary“ (1991). Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er als Professor an der Universität der Provence.

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