Weibliches Lesen
Hauke Lentsch
Die Technik der Verschriftlichung der gesprochenen Sprache und die Dekodierung
zurück in die gesprochene Sprache stellt eine Grundlage aller räumlich
verteilten und zentral organisierten Gesellschaften dar. Die Beherrschung
dieser Technik ist ungleich verteilt. In der Ungleichheit spiegeln sich
gesellschaftliche Machtverhältnisse wider, deren einer Teil auf der
Zuschreibung unterschiedlicher Geschlechterrollen beruht.
Der Titel der Ausstellung "Lesen ist weiblich" legt nahe, dass
das Lesen an sich eine weibliche Domäne geworden ist. Zusammen mit
der Prämisse, dass in der "Wissensgesellschaft" die Lesefähigkeit
entscheidend sei für die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten,
stellt sich die Frage, ob sich die Emanzipation mittlerweile also umgekehrt
hat.
Dass dem tatsächlich so ist, widerspricht sowohl die alltägliche
Erfahrung als auch jede Sozialstatistik. Woran kann das liegen?
Möglicherweise ist der Titel "Lesen ist weiblich" irreführend.
Nicht das Lesen an sich ist eine weibliche Domäne, sondern höchstens
eine bestimmte Art von Lektüre, die der sog. "fiktionalen Literatur".
Vielleicht aber sind die Kompetenzen, die mit dem Lesen - speziell fiktionaler
Texte - verbunden werden, (nicht mehr?) so wichtig für das Funktionieren
der Gesellschaft. Entstammt das Schlagwort von der "Wissensgesellschaft"
mehr der Interneteuphorie der 90er Jahre, als dass es die heutige Realität
beschreiben hilft? Oder haben sich die Medien, mit denen entsprechende
Kompetenzen erlernt werden, bzw. in deren Gebrauch sie sich ausdrücken,
gewandelt. Können z.B. audiovisuelle Medien Aufgaben schriftlicher
Texte übernehmen?
Für die Behandlung des ersten Punktes muss zunächst geklärt
werden, was das Lesen überhaupt ist. Aus welchen Teilprozessen besteht
der Vorgang des Lesens ("Lesekompetenz")?
Dies leitet über zu der Frage, welche Fähigkeiten nicht nur
für das Lesen, sondern auch für das Verstehen verschiedener
Arten von Texten erforderlich sind, bzw. umgekehrt trainiert werden ("Rezeptionskompetenz").Welche
von diesen Fähigkeiten "typisch weibliche" Fähigkeiten
sind, schließt sich daran an. Wo werden diese geschlechtsbezogenen
Fähigkeiten erlernt? Eine Darstellung verschiedener Studien aus der
pädagogischen Forschung zu Schule und Familie kann Aufschluss darüber
geben.
Die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz bestimmter Rezeptionskompetenzen
für das Funktionieren der Gesellschaft kann nicht abschließend
beantwortet werden. Aber um die Dimension einer solchen Fragestellung
deutlich zu machen, wird der historische Zusammenhang der Herausbildung
des "Frauenlesens" mit der Entwicklung bürgerlicher Geschlechterrollen
dargestellt. Die historische Entwicklung mag Ansatzpunkte bieten, die
Besucher und Besucherinnen der Ausstellung selber mit ihrer eigenen Wahrnehmung
von Geschlechterrollen zu konfrontieren. Schließlich stellt sich
die Frage nach den "Visionen", die mit der Einführung und
Durchsetzung von bestimmten Medien verbunden sind.
Lassen sich Kompetenzen, wie Empathie auch durch andere Medien (Fernsehen,
Computerspiele,...) trainieren? Erweitern sich vielleicht durch neue Medien
sogar diese Kompetenzen? Als Beispiel mag der oft zitierte Tausch von
Geschlechteridentitäten in Chaträumen dienen.
Für die Zukunft lassen sich die Visualisierung von Zusammenhängen
(z.B. Diagrammdarstellung von Arbeitsvorgängen bei einer IKEA- Gebrauchsanleitung
vs. abstrakte schriftliche Darstellung desselben Vorganges) und die Herausbildung
eines "general intellects", also eines gesellschaftlichen Bewusstseins
denken, das nicht mehr durch die individuellen intellektuellen Kapazitäten
des Menschen bestimmt wird, sondern durch die intellektuellen Kapazitäten
der Menschen als gesellschaftliche Wesen.Auf einer gewissermaßen
technischen Ebene wäre z.B. die Science Fiction - Vision in den Star
Trek-Serien mit den "Borg" zu nennen oder auf einer philosophischen
Ebene bestimmte gesellschafts-Utopien von Marx.
Bei der Erfragung der Lesekompetenz in PISA 2000 wurden drei Teilkompetenzen
mit steigendem Komplexitätsgrad abgefragt: „Informationen ermitteln“,
„Textbezogenes Interpretieren“ und „Reflektieren und
Bewerten“. Mit steigendem Grad der Komplexität wurden steigende
Unterschiede in den Leistungen zwischen den Geschlechtern festgestellt.
Zusätzlich zu diesem Befund wurde ein großer Unterschied bei
der Rezeptionsfähigkeit in Bezug auf „kontinuierliche Texte“
– also reinen Texten – festgestellt. je mehr graphische Elemente
(z.B. Tabellen, Bilder etc.) in die Texte eingebaut waren, desto mehr
verschwammen die Unterschiede.
Bei verschiedenen anderen Untersuchungen wird das Hauptaugenmerk auf die
sozial/ emotive Kompetenz als Domäne der Mädchen gerichtet.
Erich Schön identifiziert drei Stufen in der Komplexität literarischer
Identifikation: Substitution – Projektion – Empathie. Dabei
wird mit Substitution ein emotionales Verhältnis zu einer Romanfigur
(Verliebtheit, Abneigung etc) gemeint, mit Projektion eine Übertragung
eigener Erwartungen und Wünsche auf die Romanfiguren und mit Empathie
als höchster Stufe nicht nur ein „Verstehen“, sondern
Miterleben in dem Sinne, dass auch neue und dem eigenen realen Erleben
bislang fremde Erfahrungen gelernt werde. Aus der Auswertung von Befragungen
und literarischer Autobiographien zieht er den Schluss, dass Substitution
bei beiden Geschlechtern vorhanden ist, Projektion ein eher männliches
Muster und Empathie ein weibliches.
Insgesamt ließe sich also ein Bild zeichnen, dass Mädchen als
phantasievoller, text- und problemorientierter (PISA) sowie sozial kompetenter
(SCHÖN) darstellt und dies mit ihrer größeren „Leselust“
erklärt.
Aus Ergebnissen der (Lese-) Forschung ergeben sich an dieses Bild einige
Fragen. Ein Hauptproblem stellt die Differenz zwischen Eigenwahrnehmung
und tatsächlichem Verhalten dar. Schon in Untersuchungen zur Literaturrezeptionsgeschichte
des 18. und 19. Jhdt`s stellt E. Schön fest, dass die Unterscheidung
zwischen Sach- und Schöner Literatur in erster Linie der Selbstwahrnehmung
des Bürgertums entspringt. Literatur als Mittel zur Anregung der
Phantasie – besonders zur seelischen Überwindung persönlicher
und gesellschaftlicher Grenzen - sei beiden Geschlechtern eigen gewesen.
Die Richtung sei jedoch unterschiedlich gewesen; während bei Frauen
die Überwindung der gesellschaftlichen Schranken im sich verfestigenden
Rollenverständnis der Geschlechter im Vordergrund stand (Liebe und
Sexualität), richtete sich die Phantasie des männlichen Lesers
verstärkt auf die Überwindung materieller Schranken (Abenteuer,
Reisen, Macht, aber auch Sexualität). Frauen war es erlaubt, „Schöne
Literatur“ zu lesen. Das ausgehende 18. Jahrhundert sah die Geburt
des modernen Romans mit einem vorwiegend weiblichen Publikum. Männer
gestanden sich die Phantasie nicht zu und projizierten dieses Bedürfnis
auf die Lektüre „realistischer“ Texte: Reise- und Kriegsbeschreibungen
und Zeitungen. In diesem Sinne sagt die Zuschreibung „Mädchen
- fiktionale Literatur“ und „Jungs – Sachliteratur“
wenig über die reale Rezeption der jeweiligen Texte aus.
Ein zweites Problem ist die Frage nach den Ursachen: Lesen für das
Leben oder Leben für das Lesen?
Das Ziel, auf das sich die Phantasie ausrichtet, erklärt sich vor
allem aus den realen gesellschaftlichen Normen, die erlernt werden. Ein
Junge, der dahingehend erzogen wird, dass er aktiv und durchsetzungsfähig
sein soll, wird sich in seiner Phantasie zunehmend auch an diesem Ideal
ausrichten. Die „sozialen Fähigkeiten“, die er in der
Lektüre erkennt und übt, sind eben diese Fähigkeiten der
Durchsetzungskraft und des aktiven Gestaltens. Ein Mädchen werden
auf eine passive Rolle in einem gesellschaftlichen Machtgefüge hin
erzogen. Ihre Domäne ist nicht die aktive Durchsetzung eigener Wünsche,
sondern die Moderation, die Kommunikation. Dementsprechend lernen sie,
das Verhalten anderer zu verstehen. Es stellt sich die paradoxe Situation
dar, dass zwar „Empathie“ als komplexeste (und ideale) soziale
Kompetenz gesehen wird, gleichzeitig aber die mit ihr verbundenen Verhalten
gesellschaftlich als weiblich und minderwertig angesehen werden.
Der umgekehrte Weg, nämlich der des Erlernens von sozialem Verhalten
durch Lektüre wird zwar oft behauptet, ist aber nicht ernsthaft untersucht
worden. Für gesellschaftskonforme Pädagogik stellt sich daher
die Frage, inwieweit sie gesellschaftlichen Machtverhältnissen und
Rollenverteilungen real „zuwider erziehen“ können.
Ein drittes Problem könnte die mangelnde Einbeziehungen von neuen
Medienformen in die Untersuchungen von Rezeptionskompetenz z.B. bei PISA
sein. Wenn festgestellt wird, dass sich Jugendliche allgemein und Jungen
speziell zunehmend audiovisuellen Medien zuwenden, müsste eine Untersuchung
nicht auch die damit verbundenen Fähigkeiten untersuchen? Eine einseitig
an traditionellen Bildungsidealen ausgerichtete Untersuchung kann u.U.
zu falschen Schlüssen führen.
Ein letzter Punkt: In der Diskussion um die Ergebnisse der PISA Studien
wurde ein Panikgefühl vor allem damit erzeugt, dass einer postulierten
„Wissensgesellschaft“ abnehmende Fähigkeiten der Jugendlichen
gegenübergestellt wurden. Mit der „Wissensgesellschaft“
verbinden sich Schlagworte aus den 90er Jahren von einer „Dienstleistungsgesellschaft“,
„automatisierter Produktion“ usw. In dieser Gesellschaft würde
nur der eine Chance auf persönliche Entfaltung haben, der „Wissen“
hat und steuern kann.
Zum einen möge sich vielleicht jeder Einzelne einmal die eigenen
Arbeits- und Alltagserfahrungen Revue passieren lassen – ist die
Fähigkeit, lange und reine Schrifttexte zu rezipieren, tatsächlich
eine reale Anforderung? Oder geht es nicht eher in eine Richtung der Standardisierung
von Arbeitsabläufen und damit verbunden tendenziell eher um eine
Fähigkeit, in einer Anweisung symbolhaft dargestellte abstrakte Zusammenhänge
intellektuell neu zu kombinieren?
Literatur
Böck, Margit: Leseförderung als Kommunikationspolitik. Zur Mediennutzungs-
und Leseverhalten sowie zur Situation der Bibliotheken in Österreich.
Wien: Österreichischer Kunst- und Kulturverlag, 1998
Böck, Margit: Das Lesen in der neuen Medienlandschaft. Zu den Lesegewohnheiten
und Leseinteressen der 8- bis 14-Jhrigen in Österreich München:
Studien-Verlag, 2000
Böck, Margit / Waller-Paschon, Christina: Buchlesen und Lesekompetenz;
aus: Waller-Paschon / Haider (Hsg.): PISA Plus 2000. Thematische Analysen
nationaler Projekte.Innsbruck: Studien Verlag
Gallas, Helga/ Heuser, Magdalena (Hrsg.): Untersuchungen zum Roman von
Frauen um 1800. Tübingen, Max Niemeyer Verlag, 1990
Garbe, Christine (Hrsg.): Lesen im Wandel: Probleme der literarischen
Sozialisation heute Lüneburg: Univ., Fachbereich 1, 1998
Garbe, Christine: Weshalb lesen Mädchen besser als Jungen? Genderaspekte
der Leseförderung Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung "Leselust
statt PISAfrust" der HSA Luzern am 13.Januar 2003
Garbe, Christine: Geschlechterspezifische Zugänge zum fiktionalen
Lesen; aus: Lesezeichen. Mitteilungen des Lesezentrums der Pädagogischen
Hochschule Heidelberg. Heft 12 / 2002, S.35 - 52
Gilges, Martina: Lesewelten. Geschlechtsspezifische Nutzung von Büchern
bei Kindern und Erwachsenen. Bochum: Universitätsverlag Brockmeyer,
1992
Groeben, Norbert / Hurrelmann, Bettina: Lesekompetenz. Bedingungen, Dimensionen,
Funktionen Weinheim: Juventa Verlag, 2002
Hoffmann, Volker: Elisa und Robert oder das Weib und der Mann, wie sie
sein sollten. Anmerkungen zur Geschlechtercharakteristik der Goethezeit
http://www2.hu-berlin/Projekte/loreley/Debatten/!hoffmann.htm (15.12.04)
Schlichtmann, Silke: Geschlechterdifferenz in der Literaturrezeption um
1800? Zu zeitgenössischen Goethe-Lektüren.Tübingen: Max
Niemeyer, 2001
Schön, Erich: Der Verlust der Sinnlichkeit oder die Verwandlungen
des Lesers.Mentalitätswandel um 1800; Reihe: Sprache und Geschichte
; Bd. 12. Stuttgart: Klett-Cotta, 1993
Schön, Erich: Lesen zur Information, Lesen zur Lust - schon immer
ein falscher Gegensatz
Stiftung Lesen (Hrsg.): Lesen im Umbruch - Forschungsperspektiven im Zeitalter
von Multimedia. Dokumentation des Symposiums der Stiftung Lesen in Zusammenarbeit
mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels am 27./28. Juni 1997
in Frankfurt am Main [Symposium "Lesen im Umbruch"]. Baden-Baden:
Nomos-Verl.-Ges., 1998 |