Lesesozialisation

Sarah Queckenstedt

Was ist Lesesozialisation
Lesen ist eine Schlüsselfähigkeit unserer Kultur. Dem Lesenden eröffnet sich ein unabhängiger Zugang zum Wissen und zu den Erfahrungen anderer Menschen. Lesen bedeutet Sozialisation. Lesesozialisation bezeichnet neben dem Erwerb der Fähigkeit zur Dekodierung schriftlicher Texte, auch den Erwerb von Kommunikationsinteressen und kulturellen Haltungen. (Bettina Hurrelmann 1999) Betrachten wir die Gruppe der Menschen die grundsätzlich in der Lage sind zu lesen, ist zu erkennen, dass es unter ihnen Wenig- und Viel-Leser gibt. Der stärkste Faktor welcher die Lesefähigkeit und das Leseinteresse beeinflusst ist die Familie. Eine Rolle spielt auch die soziale Schicht und das Bildungsniveau der Umgebung, die Schule und das Geschlecht.
Jungen lesen weniger als Mädchen, weniger gern und weniger gut. Vor allem aber lesen sie anders. Sind bei Gebrauchs- und Sachtexten die Unterschiede in der Texterfassung nicht ganz so signifikant, zeigen sie sich umso deutlicher bei erzählenden Texten, wie sie vorrangig in der Schule im Leseunterricht verwendet werden. Dieses Ergebnis zieht sich durch eine Vielzahl von Studien und Befragungen seit Anfang der 90er Jahre. Auch PISA hat erneut bestätigt, dass Jungen ihren Mitschülerinnen unterlegen sind, wenn es ums Lesen geht. Warum das so ist, fragen sich immer mehr Wissenschaftler und besorgte Eltern.
Über die Ursachen des Unterschieds im Leseverhalten von Jungen und Mädchen gibt es eine Vielzahl von Erklärungsansätzen aus soziologischer, pädagogischer oder biologischer Sicht.

Biologische Ansätze
In der Biologie wird Lesen u.a. im Zusammenhang mit der kognitiven Entwicklung untersucht. Die kognitive Leistung betrifft die Fähigkeit, Umwelteinflüsse aufnehmen, speichern und verarbeiten zu können. Ein wichtiger Teil kognitiver Fähigkeiten ist die Spracherfassung, die gleichzeitig für erfolgreiches Lesen ausschlaggebend ist. Umwelteinflüsse wie Erziehung, und Schulbildung beeinflussen die Entwicklung der Spracherfassung. Ein Teil scheint allerdings auch Vererbung und Anlage zu sein, auch wenn die Forschungsergebnisse nicht mit Sicherheit wiedergeben können, wie groß der erbliche Einflus wirklich ist.
Die Intelligenz einer Person hängt stark mit ihrer Spracherfassung zusammen. Im Rahmen der Zwillingsforschung an eineiigen Zwillingen, die in unterschiedlichen Milieus aufwuchsen, zeigten sich deutliche übereinstimmende Anlagekomponenten für die Intelligenz, das Wortverständnis und die Wortflüssigkeit. Diese Ergebnisse können jedoch keinen wirklichen Zusammenhang zwischen dem Geschlecht und der Lesefähigkeit bestätigen.
Studien zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Sprachentwicklung zeigten einen Vorsprung der Mädchen in der sprachlichen Entwicklung. Dieser bezieht sich sowohl auf Satzlänge und Umfang des Wortschatzes, wie auch auf die Artikulation und das Sprachverständnis. Auch Sprachdefekte wurden bei Mädchen seltener festgestellt als bei Jungen. Dieser Vorsprung der Mädchen ist allerdings bei Eintritt ins Erwachsenenalter meist wieder ausgeglichen. So scheinen beobachtete biologische Ansätze im Bezug auf die Geschlechterdifferenz zu kurz zu greifen.

Soziologische Ansätze
Das Leseverhalten von Kindern hängt stark von der familieninternen Kommunikationsfähigkeit ab. Generell zeigt sich, dass Kinder gerne und gut lesen, wenn sie in Familien aufwachsen, in denen Lesen im Alltag eine Rolle spielt, über Bücher gesprochen wird und gemeinsame Leseiteressen bestehen. Sind Vater und Mutter aufmerksam gegenüber den Interessen des Kindes und aufrichtig an dessen Meinung interessiert, sind in solch einer Umgebung kaum Unterschiede in der Lesefähigkeit von Jungen und Mädchen zu finden.
Tatsächlich ist dies aber die Ausnahme. Gerade die für Jungen wichtigen Väter beteiligen sich, wahrscheinlich aufgrund ihrer eigenen Lesesozialisation, meist nicht an der Vermittlung des Lesens. Es sind hauptsächlich die Mütter die den Kindern das Lesen näher bringen. Während Mädchen davon profitieren, weil sie sich an der Mutter als Vorbild orientieren, nehmen Jungen Lesen als weibliche Tätigkeit wahr und fühlen sich nicht angesprochen. Das gilt auch für die Lektüreauswahl der Mütter, die meistens eher die thematischen Interessen ihrer Töchter als ihrer Söhne berührt. Dies setzt sich in Kindergarten und Grundschule fort, in denen mit Abstand mehr Frauen beschäftigt sind als Männer. Auch hier finden die Jungen keine geeigneten Vorbilder und nicht die für sie interessanten Themen. Lesen können sie daher nicht als befriedigende Tätigkeit erfahren.
Hinzu kommt das sich ein psychologischer negativer Kreislauf in Gang setzt. Wer wenig liest, ist ungeübt, längere Texte erschließen sich nur mit Anstrengung und das Lesen macht keinen Spaß, also liest man noch weniger. Wird dann noch das Lesen extra unangenehm behaftet durch stockende Vorleseversuche vor der Klasse oder steigenden Erfolgsdruck durch Schule und Eltern, ergeben sich denkbar schlechte Voraussetzungen, um den sprachlichen Entwicklungsvorsprung weiblicher Klassenkameradinnen einzuholen.

Literatur
Lesen und Unterricht - Eine Frage des Geschlechts? Doktorarbeit von Angelika Blum-Brunner. 2001 Zentralstelle der Studentenschaft, Zürich
Lesewelten – Geschlechtsspezifische Nutzung von Büchern bei Kindern und Erwachsenen Martina Gilges, aus der Schriftenreihe: Frauen und Massenmedien, Band 3. 1992 Brockmeyer, Bochum
Leseklima in der Familie Bettina Hurrelmann, Studie der Bertelsmann-Stiftung, aus der Schriftenreihe: Lesesozialisation, Band 1. 1993 Bertelsmann-Stiftung-Verlag, Gütersloh
Lesen im Medienumfeld . Angela Fritz, Studie der Bertelsmann Stiftung. 1993 Bertelsmann-Stiftung-Verlag, Gütersloh
Leseverhalten in Deutschland im neuen Jahrtausend. Bodo Franzmann, Studie der Stiftung Lesen. 2001 Spiegel-Verlag, Hamburg
Feminism and the Politics of Reading. Lynne Pearce.1997 Arnold, London

Artikel
„Wer lesen will, muss hören - Wie Kinder lernen, Texten Sinn zu entlocken“ http://www.zeit.de/2003/25/C-Iglu-Lesen. Artikel von Susanne Gaschke erschienen in der Onlineausgabe der Zeit vom 12.06.2003 Nr.25
„Mädchen lesen ander(e)s als Jungen“, Empirische Befunde und Erklärungsansätze über unterschiedliche Leseinteressen und Leseweisen. http://www.querelles-net.de/forum/forum10-2.shtml Artikel von Prof. Dr. Christine Garbe, erschienen bei Querelles - Rezensionszeitschrift für Frauen und Geschlechterforschung
„Jungen lesen anders“ Beitrag von Simone Masarwah, aus „ServiceZeit Familie“ einer Sendung des WDR ausgestrahlt am 8. Oktober 2003. http://www.wdr.de/tv/service/familie/inhalt/20031008/b_1.phtml

Internet
www.medienpartner-nrw.de
www.bertelsmann-stiftung.de
www.mpfs.de
medienpädagogischer Forschungsverbund südwest
www.dagmarwilde.de/fuergebnisse/lesesozialisation3.html
Materialien aus dem Seminar im Wintersemester 1999/2000 der FU Berlin
„Zum Lesen verlocken - Umgang mit Kinderliteratur im verbundenen Sprachunterricht“

Seitenanfang



home
Dokumentation
Ausstellung
Downloads
Kontakt
Partner
Impressum