Zukunft ohne Lesen?
Timo Senechal
Wagt man einen Blick in die Zukunft des Lesens, so könnte man zum
provokanten Schluss kommen, dass die Lesekultur auf lange Sicht verschwinden
wird. Schon heute kann man auch ohne zu lesen (bzw. ohne lesen zu können)
im Alltag vieler Berufe auskommen, Bedienungs- und Montageanleitungen
für Möbel oder einfachere technische Geräte werden oftmals
nur grafisch dargestellt, auch um keine unterschiedlichen Versionen für
den internationalen Markt produzieren zu müssen. Komplexere Anleitungen
können durch dreidimensionale Modelle eventuell sogar besser visualisiert
werden, als dies textlich möglich ist. Zur Unterhaltung werden oftmals
ohnehin lieber das Fernsehen oder Computerspiele genutzt. Selbst diejenigen,
die ideen- und detailreiche literarische Erzählungen bevorzugen,
welche die Fantasie anregen, greifen in zunehmendem Maße zum Hörbuch.
Eine Welt ohne Bücher scheint also nicht völlig abwegig. Vorgezeichnet
wird sie bereits durch Ray Bradburys Buch „Fahrenheit 451“
von 1953 (verfilmt von François Truffaut 1966) und Aldous Huxleys
„Brave New World“ von 1932. Die Gesellschaft verzichtet in
beiden Büchern vollständig auf Literatur, sie ist so verboten
wie verpönt. Wissen und Kultur werden über eine Art 3D-Fühlkino
(Huxley) bzw. das Fernsehen (Bradbury) vermittelt. Diese Szenarien sind
heute in Teilen der Gesellschaft schon Realität. Die durchschnittliche
Fernsehdauer pro Tag beträgt in Deutschland 210 Minuten, also dreieinhalb
Stunden, während die durchschnittliche Lesedauer laut Statistischem
Bundesamt im Erhebungszeitraum 2001/2002 nur 45 Minuten betrug. Da in
der betreffenden Studie die Fernsehdauer mit knapp zwei Stunden pro Tag
angegeben ist, inzwischen also um mehr als eineinhalb Stunden zugenommen
hat, ist davon auszugehen, dass inzwischen noch weniger Zeit für
das Lesen aufgewendet wird. Zudem fallen in die angegebenen 45 Minuten
auch das Lesen von Gebrauchsanweisungen, Beipackzetteln, Broschüren
und Katalogen, so dass das Zeitungslesen mit nur 22 Minuten an der Spitze
steht und für Bücher gerade einmal 8 Minuten täglich bleiben.
Eine ähnliche Tendenz zeigt eine Studie der Stiftung Lesen aus dem
Jahr 2000. Hier wurde festgestellt, dass nur 6% der Deutschen täglich
zum Buch greifen, wohingegen 46% Kaum- oder Wenigleser seien und 38% weniger
als fünf Bücher im Jahr läsen. Besonders signifikant sei
dabei in den jüngeren Altersgruppen der Trend zum „Überfliegen“
der Seiten, jeder dritte Jugendliche bis 19 Jahre tendiert dazu. In der
vorangegangenen Studie aus dem Jahr 1992 waren es gerade mal 10%. Dieser
Trend ist dabei vor allem bei den männlichen Jugendlichen zu beobachten,
die nach einer Studie der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg zu
45% Computer und Spielekonsolen als Lieblingsmedium bezeichneten, aber
auch bei den Mädchen stünde das Buch hinter Musik und Fernsehen
zurück.
Ein Blick in die fernere Zukunft lässt sich nur über utopische
Ansätze wagen, wie sie in Science-Fiction-Literatur und -Filmen auftauchen.
In vielen Science-Fiction-Geschichten kann Information nicht allein über
die Sinne rezipiert werden, sondern sie gelangt über eine neuronale
Schnittstelle direkt in das Gehirn. Jüngere Beispiele hierfür
sind die Filme Total Recall (1990), Matrix oder eXistenZ (beide 1999)
Total Recall basiert auf der Kurzgeschichte „Erinnerungen en gros“
(OT: „We can remember it for you wholesale“) von Philip Kindred
Dick aus dem Jahr 1965 und stellt die Frage in den Mittelpunkt, was die
Realität ist. Dem Protagonisten werden hier zur Unterhaltung fiktionale
Erinnerungen – also Informationen – mittels einer technischen
Apparatur direkt in das Gehirn eingespeist..
Im Film „Matrix“ wird eine ähnliche Situation beschrieben,
allerdings ist hier eine eindeutige Aufteilung in reale und virtuelle
Welt, genannt Matrix, gegeben. Der Protagonist wird aus der Matrix, die
ein Abbild unserer heutigen Welt darstellt „befreit“, da diese
virtuelle Welt 200 Jahre in der Zukunft von Maschinen geschaffen wurde,
um die Menschheit zu versklaven. In der realen Welt von 2199 sollen nun
die Maschinen besiegt und die Menschheit befreit werden. Um dieses Ziel
zu erreichen, bekämpfen der Protagonist und seine Mitstreiter die
Maschinen parallel in virtueller und realer Welt. Die Matrix kann über
eine neuronale Schnittstelle, also einen technischen Anschluss am Gehirn
betreten werden. Des weiteren können über diesen Anschluss Informationen
und Fähigkeiten direkt in das Gehirn eingespeist werden, so dass
der Protagonist innerhalb weniger Stunden perfekt die Kampfkunst Jiu-Jitsu
erlernt, um Sie in der Matrix anzuwenden.
Der Plot des Films „eXistenZ“ erzählt von einem Computerspiel
in der virtuellen Realität, das über einen sogenannten „Bio-Port“
gesteuert wird, ein organisches Gerät, das über einen Anschluss
in der Wirbelsäule mit dem Körper des Spielers verbunden wird.
In der Schlusssequenz des Films stellt sich heraus, dass auch dieser Film
ähnlich wie „Total Recall“ nicht nur mit zwei Ebenen,
also virtuelle und reale Welt arbeitet, sondern dass es um eine verschachtelte
virtuelle Welt geht. Als die Protagonisten nämlich glauben, aus der
virtuellen Welt des Spiels in die Realität zurück zu kehren,
müssen Sie fest stellen, dass auch diese eine Simulation ist. Das
Ende des Films lässt offen, ob durch diese Erkenntnis erreichte übergeordnete
Ebene die wahre Welt ist.
Diese Fiktionen mögen von der Realität noch weit entfernt sein,
zeigen aber schon die philosophischen Probleme einer möglichen direkten
Rezeption von Informationen mit dem menschlichen Gehirn auf. Die Unterscheidung
von wirklich Erlebtem und virtuellen Erinnerungen oder Gefühlen ist
dann unter Umständen nicht mehr möglich.
Ein anderer Ansatz, der sich durch die Entwicklung einer solchen neuronalen
Schnittstelle ergibt, ist der eines so genannten „Super-Hirns“
– analog zu den sogenannten „Super-Computern“, welche
die Rechenleistung vieler herkömmlicher PCs verbinden und damit überaus
leistungsstark sind.
So könnte das menschliche Gehirn direkt mit Datenbanken, dem Internet
oder anderen Gehirnen verbunden werden, um Informationen aufzunehmen bzw.
auszutauschen. Dies hätte neben der veränderten Rezeption von
Informationen auch den Effekt eines riesigen vernetzten Bewusstseins,
in dem möglicherweise nicht nur auf faktisches Wissen, sondern auch
auf Emotionen Anderer zugegriffen werden kann. Querverweise für ein
solches kollektives Bewusstsein findet man ebenfalls in vielen Science-Fiction-Geschichten.
Zu den bekanntesten Filmen zählt hier „Das Dorf der Verdammten“
(1960, OT: „Village of the damned“), der auf dem Buch „Es
geschah am Tage X“ (1957, OT: „The Midwich Cuckoos“)
von John Wyndham basiert und von einem Dorf erzählt, in dem gleichzeitig
zwölf (in der literarische Vorlage 60) Kinder geboren werden, die
über ein kollektives Bewusstsein sowie telepathische Fähigkeiten
verfügen und Vorboten einer außerirdischen Macht zu sein scheinen.
Weiterhin anzuführen wäre in diesem Zusammenhang das „Star
Trek“-Universum, welches die Basis für mehrere Fernsehserien
(„Raumschiff Enterprise“ etc.) und Kinofilme ist. Hier verfügen
die „Borg“ (abgeleitet aus dem englischen „Cyborg“
– kurz für „cybernetic organism“ also „kybernetischer
Organismus“, also eine Lebensform, die eine Mischung aus Maschine
und biologischem Organismus ist) ebenfalls über ein kollektives Bewusstsein,
das sogenannte „Hive“-Bewusstsein, in das besiegte Feinde
assimiliert werden. Strukturell funktioniert die Organisation der Borg-Gesellschaft
ähnlich wie ein Insektenvolk, daher werden einzelne Borgs auch als
Drohnen bezeichnet.
Betrachtet man nun die „Borg“ bzw. Cyborgs genauer, so könnte
man unter diesem Begriff auch Menschen verstehen, die technische Implantate
im Körper tragen. Dieser Meinung ist auch N. Katherine Hayles, Professorin
für Englisch und Design/Media Arts an der University of California,
Los Angeles:
„Cyborgs actually do exist; about 10% of the current U.S. population
are estimated to be cyborgs in the technical sense, including people with
electronic pacemakers, artificial joints, drug implant systems, implanted
corneal lenses, and artificial skin.“
Ungefähr 10% der Bevölkerung der USA seien also im technischen
Sinn heute schon Cyborgs. Hier schließt sich auch insofern der Kreis,
als dass nach Herzschrittmachern, künstlichen Gliedmaßen und
komplexen Prothesen inzwischen auch künstliche Sinnesorgane entwickelt
werden. So will man in zehn Jahren eine künstliche Netzhaut entwickelt
haben, die nicht im Detail programmiert ist, sondern sich nach den Prinzipien
des Nervensystems organisiert und lernt. Damit ist der erste Schritt zu
einer neuronalen Schnittstelle bereits getan, doch obgleich die Hirnforschung
seit Jahren Quantensprünge zu machen scheint und die Perfektion künstlicher
Sinnesorgane immer größer wird, sind keine Wunder zu erwarten.
In der neurobiologischen Untersuchung wird zwischen drei Ebenen unterschieden,
wobei sich die oberste mit den Funktionen und Aufgaben der Hirnareale
befasst, die mittlere das Geschehen innerhalb hunderter oder tausender
Zellen beschreibt und die unterste Ebene die Vorgänge auf dem Niveau
einzelner Zellen und Moleküle umfasst. Bei der Untersuchung der obersten
und untersten Ebene hat man schon große Erfolge erzielt, über
die mittlere Ebene weiß man hingegen fast noch nichts. Bis diese
Fragen ansatzweise geklärt sind, werden wohl noch Jahrzehnte vergehen,
und selbst wenn die Wissenschaft versteht, wie das menschliche Gehirn
arbeitet, ist es ein weiterer sehr großer Schritt, bis man diese
Funktionen technisch steuern und so manipulieren kann, dass Wissen oder
Erinnerungen transferiert werden können.
Quellen
BRADBURY 1956
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Väter wollen mehr Zeit für sich und ihre Familien : Bundesministerin
Renate Schmidt stellt neue Zeitbudgeterhebung vor [online]. In: www.bmfsfj.de
- Pressemitteilungen [zit. 2005-01-11]. – URL: http://www.bmfsfj.de/Kategorien/Presse/pressemitteilungen,did=12786.html
CRONENBERG 1999
Cronenberg, David (Regie): eXistenZ. Kinowelt 1999
DICK 1965
Dick, Philip Kindred: Erinnerungen en gros. München : Haffmans-Heyne,
1995 ISBN: 3453067746
ELGER/FRIEDERICI/KOCH ET AL. 2004
Elger, Prof. Dr. Christian E. ; Friederici, Prof. Dr. Angela D. ; Koch,
Prof. Dr. Christof und andere: Das Manifest : Elf führende Neurowissenschaftler
über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung. In: Gehirn&Geist
6/04 (2004), S. 30
HAMANN 2004
Hamann, Bastienne: Acht Minuten täglich : Bücher gehören
längst nicht mehr zum Alltag [online]. In: www.zdf.de, 2004-07-14
[zit. 2005-01-11]. – URL: http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/21/0,1872,2144597,FF.html
HAYLES 1995
Hayles, N. Katherine: The Life Cycle of Cyborgs: Writing the Posthuman.
In: Gray, Chris Hables (Hrsg.): The Cyborg Handbook. London : Routledge,
1995 – ISBN 0415908493
HUXLEY 2004
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– URL: http://medialine.focus.de/PM1D/PM1DB/PM1DBF/pm1dbf.htm
RILLA 1960
Rilla, Wolf (Regie): Das Dorf der Verdammten. MGM 1960
STATISTISCHES BUNDESAMT 2004
Deutsche verbringen täglich eine 3/4 Stunde ihrer Freizeit mit Lesen
[online]. In: www.destatis.de, 2004-04-20 [zit. 2005-01-11]. – URL:
http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2004/zdw16.htm
STIFTUNG LESEN 2005
KONGRESS : "GUTENBERGS FOLGEN" : DIE DEUTSCHEN ÄNDERN IHRE
LESE-STRATEGIEN [online]. In: www.stiftunglesen.de [zit. 2005-01-11].
– URL: http://www.stiftunglesen.de/wir/forum/forum43/forum43_12.html
TRUFFAUT 1966
Truffaut, François (Regie): Fahrenheit 451. Vineyard 1966
VERHOEVEN 1990
Verhoeven, Paul (Regie): Die totale Erinnerung – Total Recall. Scotia
Film 1990
WACHOWSKI/WACHOWSKI 1999
Wachowski, Andy ; Wachowski, Larry (Regie): Matrix. Warner Bros. 1999
WYNDHAM 1965
Wyndham, John: Es geschah am Tage X. München : Heyne, 1965 –
ISBN: B0000BPUE6
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